Zur Geschichte der systemischen Therapie Institut fr systemische














- Slides: 14
Zur Geschichte der systemischen Therapie Institut für systemische Studien Hamburg Aufbaukurs A 8 2010 -12 Dr. Kurt Ludewig©
Literaturhinweise Kriz, J. (1985, 2001), Grundkonzepte der Psychotherapie. Weinheim (PVU) Hoffman, L. (1981), Foundations of Family Therapy. New York (Basic Books); deutsch (1984), Grundlagen der Familientherapie. Hamburg (Isko-Press). Simon, F. B. , U. Clement, H. Stierlin (2004): Die Sprache der Familientherapie. Stuttgart (Klett-Cotta). Stierlin, H. (1994): Ich und die anderen. Psychotherapie in einer sich wandelnden Gesellschaft. Stuttgart (Klett-Cotta). Stumm, G. , A. Pritz (Hrsg. )(2000), Wörterbuch der Psychotherapie. Wien (Springer) Stumm, G. , A. Pritz et al. (Hrsg. )(2005), Personenlexikon der Psychotherapie. Wien (Springer) Und in aller Kürze: Ludewig, K. (2005), Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie, Heidelberg (Auer-Systeme), Kapitel 4 November 2011 Dr. K. Ludewig 2
1940 – 1955 Aufkommen einer „dritten Kraft“ in der Psychologie, wohl im Zusammenhang mit den Ekzessen im II. Weltkrieg und als Reaktion auf die allzu kulturpessimistisch gestimmte Psychoanalyse und auf den sich allzu mechanistisch gebärdenden Behaviorismus Dabei werden neue Gesichtspunkte in die psychologische Forschung eingeführt, u. a. : Sozialität, Ethik, Liebe, Freiheit, Verantwortung. Vorreiter u. a. : Erich Fromm: Soziale Bedingtheit des Menschlichen, u. a. „Escape from Freedom“, „Sein oder Haben“, „Die Kunst des Liebens“ George A. Kelly: Psychologie persönlicher Konstrukte (Konstruktiver Alternativismus) Abraham Maslow: Liebe, Motivation und die gesunde Persönlichkeit Harry S. Sullivan: Theorie interpersoneller Beziehungen (Mensch im Kontext; Befriedigung und Sicherheit); neue Impulse für die Psychiatrie. November 2011 Dr. K. Ludewig 3
1945 – 1955 In Folge der „humanistischen Wende“ der Psychologie entstehen neuere sog. „humanistische“ Psychotherapien. ZENTRALE WERTE: Selbstbestimmung und soziale Einbindung, Wachstum, Selbstverwirklichung, Ziel- und Sinnorientierung, Ganzheit der Person. Vertreter neben den Familientherapien u. a. : Carl Rogers: Personen- bzw. Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie (On Becoming a Person; experiencing, focusing…) Fritz Perls: Gestalttherapie („unfinished business“, action statt „mind fucking“) Viktor Frankl: Logotherapie (Wille zum Sinn; paradoxe Intention) Jakob L. Moreno: Psychodrama (Empathie, aktive Rollen, hier-und-jetzt, Katharsis) Alexander Lowen und Wilhelm Reich: Körperbetonte Therapien, Bioenergetik (Energiefluss und Blockaden) Eric Berne: Transaktionsanlyse (Strukturmodell der Ich-Zustände: Kind-Ich, Erwachsenen-Ich, Eltern-Ich) November 2011 Dr. K. Ludewig 4
Zur Geschichte der systemischen Therapie Theoretische Grundlagen ± 1950 Pragmatische Familienarbeit: u. a. Bateson et al. , Wynne, Jackson. . . ± 1960 Familientherapien: - Prozessbezogen: MRI Watzlawick et al. - Direktiv-Strukturell: Haley, Minuchin. . . 1975 Systemische Familientherapie: Allgemeine Systemtheorie, Theorie offener Systeme (L. v. Bertalanffy) ad hoc Theorien aus Kybernetik 1. Ordnung, Strukturalismus, Humanismus Kybernetische Epistemologie (G. Bateson) Mailand I. M. Selvini Palazzoli et al. 1981 -2 1983 -9 ab 1990 Autopoiese, biologische Erkenntnistheorie (H. Maturana), Kybernetik 2. Ord (H. v. Foerster), Systemische Therapie (Rad. Konstruktivismus (E. v. Glasersfeld), P. Dell, B. Keeney, S. de Shazer Dialog, Rhetorik (Rorty, Geertz. . . ), Weiterentwicklungen: - Lösungsorientiertheit: M. Erickson. S. de Shazer Kommunikation, Theorie sozialer Systeme (N. - Sozialtheorie/Dialog: H. Goolishin, T. Andersen Luhmann), Sprachphilosophie (Wittgenstein, franz. Schule. . . ), Narrationstheorie, sozialer - Sprache/Narrativen: M. White Konstruktionismus (K. Gergen. . . ) Konsolidierung <deutschsprachig>: - Klinische Theorie (K. Ludewig. . . ) - Empirische Forschung (G. Schiepek. . . ) - Emotionen (R. Welter-Enderlin, T. Levold. . . ) - Ausdifferenzierung von Schulen November 2011 Dr. K. Ludewig Synergetik (H. Haken), Neurowissenschaften, Chaostheorie, non-lineare dynamische Systeme, Emotionstheorie (L. Ciompi) Narrative und Kollaboration (Shotter. . . ) Systemische Selbsttheorien (Fuchs, Ludewig) 5
1950 -60 Pragmatische Familienarbeit mit ad hoc-Theorien: Die „Väter“ In Folge von Erfahrungen insbesondere in der Behandlung von (übertragungsunfähigen? ? ) schizophrenen (und delinquenten) Jugendlichen begannen einzelne Psychiater, diese im Zusammenhang mit ihren Familien zu untersuchen und gfs. zu behandeln. Schizophrenes Verhalten wurde thematisiert u. a. von: Gregory Bateson, Don D. Jackson, Jay Haley, John H. Weakland (1956): Die „Double-Bind“-Hypothese. Lyman Wynne et al. (1958): Gemeinschaft vs. pseudo-mutuality in der Familie Jay Haley (1959), Vermeidung der Beziehungsdefinition/-kontrolle. Theodore Lidz et al. (1957): Gespaltene oder verschobene Ehe der Eltern. Murray Bowen (1960): Drei-Generationen-Hypothese; Unreife. Ivan Boszormenyi-Nagy (1960): Loyalitätskonflikte, Kontobuch mehrgenerationaler „Schulden“ und Ausgleich, Gerechtigkeit. Literatur: Bateson, Gregory et al (1969): Schizophrenie und Familie. Frankfurt (Suhrkamp) November 2011 Dr. K. Ludewig 6
1960 -1975 Entfaltung der Familientherapien ± 1950 Entstehung verschiedener z. T. subversiv im Untergrund arbeitender Arbeitsgruppen in den USA, (vgl. Goolishian) 1961 Erster Kongress für “family therapy” in San Francisco. Ab 1960 entstehen von 2 Hauptrichtungen mit dem zentralen Paradigma: Psychisches Leiden geht auf dysfunktionale Familien zurück - Prozessbezogener Ansatz (MRI II: Paul Watzlawick et al. ): Probleme = nicht geglückte Lösung logischer Paradoxien; Therapie = aktive “Unterbrechung” der problematischen Kommunikation - Strategisch-strukturalistische Ansätze (Salvador Minuchin, Jay Haley) Probleme = Verletzung der Familienstruktur (Hierarchie, Koalitionen. . . ) Therapie = Wiederherstellung “richtiger” Verhältnisse. Darüber hinaus entstehen: “wachstumorientierte” FTh (Virginia Satir), Loyalitätsbezogene “Aufrechnung” (Boszormenyi-Nagy), bezogene Individuation (Helm Stierlin) sowie VT-Ansätze, gestalttherapeutische Ansätze usw. November 2011 Dr. K. Ludewig 7
1975 Systemische Familientherapie In enger Orientierung an der kybernetischen Epistemologie Batesons und in Anlehnung an Watzlawick und Minuchin formulierte die Mailänder Arbeitsgruppe um Mara Selvini-Palazzoli (Gianfranco Cecchin, Luigi Boscolo, Giuliana Prata), insbesondere für die Behandlung von schizophrenen und anorektischen Störungen ein neues sog. Mailänder-Modell: Probleme : = unentrinnbare Paradoxien der familiären Kommunikation bei unklarer Beziehungsdefinition (ohne Metakommunikation). Lösung = Entwurf von Gegenparadoxien in Form von Kommentaren und Verschreibungen Verlauf: Therapiesitzung in 5 Phasen: 1) 2) 3) 4) 5) Vorbereitung und Aufstellung einer „systemischen Hypothese“, Durchführung als Hypothesentestung, Erarbeitung einer „paradoxen“ Abschlussintervention; Vergabe der Intervention; Vorwegnahme des Ergebnisses. Arbeitsmittel: lange Intervalle, positive Konnotation, zirkuläres Fragen, Symptomverschreibung, Rituale usw. Leitsätze: Hypothetisieren, Zirkularität, Neutralität (vgl. „Paradoxon und Gegenparadoxon“, 1978; Familiendynamik 6: 123 -139, 1981) November 2011 Dr. K. Ludewig 8
1981 -2 Systemische Therapie Paul Dell initiert September 1981 in Zürich die Einbeziehung bio-epistemologischer und autopoietischer Gedanken in die Psychotherapie = “Geburtsstunde” der systemischen Therapie. Drei Aufsätze im Heft 1982 der Family Process markieren den Übergang zur eigentlichen systemischen Therapie: - Dell, Paul F. (1982), Beyond Homeostasis: Toward a concept of coherence. Family Process 21: 21 -41; deutsch: Dell PF (1986): Klinische Erkenntnis. Zu den Grundlagen systemischer Therapie. Dortmund (modernes lernen). S. 46 -77. - Keeney, Bradford F. (1982), What is an epistemology of family therapy? Family Process 21: 153 -168; deutsch (1983): Z. systemische Therapie 1(2): 1 -22. - de Shazer, Steve (1982), Some conceptual distinctions are more useful than others. Family Process 21: 71 -84. November 2011 Dr. K. Ludewig 9
1983 -9 Weiterentwicklungen systemischer Therapie Lösungsorientiertheit (M. Erickson, J. Weakland, S. de Shazer) Elemente: Kurzzeittherapie, Komplimente, Struktur des Problems ≠ Struktur der Lösung, Standard-Fragen (1. Sitzung, Wunderfrage), Standard-Interventionen (Nicht-Ändern. . . ) usw. Sozialtheorie/Dialog (H. Goolishian, T. Andersen, H. Anderson) Elemente: problem-determined system/solution-determined system, Nicht-Wissen, Therapeut als “Dirigent” sowie Dialog, Reflecting-Team usw. Sprache/Narrativen (M. White u. a. ) Elemente: Anlehnung an australischer Anthropologie, rites of path, unique outcomes, Externalisieren, Anerkennung der Besserung, Neuverfassen der eigenen Biografie. Weiterenwicklung zur Kollaborativen Therapie (J. Freemann, H. Anderson u. a. ) November 2011 Dr. K. Ludewig 10
Ab 1990 Konsolidierung <deutschsprachig> Klinische Theorie (Kurt Ludewig. . . ) Erstes zusammenfassendes Buch “aus einem Guss”: Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. Stuttgart (Klett-Cotta), 1992. Empirische Forschung (Günter Schiepek. . . ) Verschiedentlich in Anlehnung an die Algorithmen der Synergetik, z. B. H. Haken, G. Schiepek (2006), Synergetik in der Psychologie. Göttingen (Hogrefe). Emotionen (Rosmarie Welter-Enderlin, Tom Levold. . . ) Einbeziehung der Emotionen in die therapeutische Praxis und Ausbildung, z. B. Welter-Enderlin R, B Hildenbrand (Hrsg. )(1998): Gefühle und Systeme. Die emotionale Rahmung beraterischer und therapeutischer Prozesse. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme). Ausdifferenzierung von Schulen November 2011 Dr. K. Ludewig 11
Ausdifferenzierungen der systemischen Therapie • Interventionsbezogene Ansätze der Mailänder Schule und Weiterentwicklungen (Boscolo, Cecchin) • Kooperationsbezogene Ansätze wie das Reflektierende Team (Andersen) und der Offene Dialog (Seikkula) • Sprachlich betonte Ansätze in Anlehnung an den sog. Sozialen Konstruktionismus (Goolishian u. a. ) • Kurzzeittherapeutischer, lösungsorientierter Ansatz (de Shazer) • Narrative und kollaborative Ansätze (White, Anderson u. a. ) • Biographische Ansätze (Welter-Enderlin, Buchholz u. a. ) • Integrative Ansätze (verschieden) November 2011 Dr. K. Ludewig 12
Aktuelle Entwicklungen 1999 - 2010 1999 Verweigerung der wissenschaftlichen Anerkennung durch den sog. Wissenschaftlichen Beirat in Deutschland 2001 „The Great Psychotherapy Debate“ von Bruce W. Wampold: Nur ca 8% der Outcome-Varianz geht auf schulspezifische Interventionen zurück. 2004 EFTA-Tagung in Berlin mit 3. 500 Teilnehmern aus 41 Ländern 2006 Erneute Beantragung der wissenschaftlichen Anerkennung; vgl. von Sydow, K. et al. (2007), Die Wirksamkeit der systemischen Therapie/ Familientherapie. Göttingen (Hogrefe). 2005/6 Erscheinen sog. Lehrbücher, welche systemische Therapie an den mainstream anpassen und das ICD 10 zum Maßstab machen, z. B. Ruf 2005, Schweitzer & v. Schlippe 2006, 2010. 2011 Theoretische Auseinandersetzung mit psychischen Systemen und der systemischen Einzeltherapie (Ludewig, K. (2011), Psychische Systeme - ein nützliches Konzept… Familiendynamik). Dez. 2008 Sog. Wiss. Beirat erkennt die Systemische Therapie als wissenschaftlich an; sozialrechtliche Anerkennung bleibt offen. 2010/11 Erste anerkannte „interdisziplinäre“ Ausbildungen zum KJ-Therapeuten. November 2011 Dr. K. Ludewig 13
Ende Diese Powerpoint-Präsentation findet sich in: http: //www. kurtludewig. de Texte November 2011 Geschichte (ppt 38) Dr. K. Ludewig 14