Phnomenologie und Psychopathologie Vorlesung Sommersemester 2019 Thomas Fuchs

  • Slides: 131
Download presentation
Phänomenologie und Psychopathologie Vorlesung Sommersemester 2019 Thomas Fuchs

Phänomenologie und Psychopathologie Vorlesung Sommersemester 2019 Thomas Fuchs

 Überblick Einführung - Anthropologische Bedingungen psychischer Krankheit - Phänomenologische Psychopathologie Leiblichkeit - Phänomenologie

Überblick Einführung - Anthropologische Bedingungen psychischer Krankheit - Phänomenologische Psychopathologie Leiblichkeit - Phänomenologie des Leibes - Depression und Leiblichkeit - Verlust der Selbstverständlichkeit und Hyperreflexivität

 Überblick Affektivität - Phänomenologie von Gefühlen, Stimmungen und Atmosphären - Die Angst -

Überblick Affektivität - Phänomenologie von Gefühlen, Stimmungen und Atmosphären - Die Angst - Das Unheimliche Zeitlichkeit - Phänomenologie der Zeitlichkeit - Depression als Desynchronisierung - Chronopathologie von Überforderungssyndromen (Burnout) - Fragmentierte Identität (Borderline Störungen)

 Überblick Selbst und Selbststörungen - Phänomenologie des Selbst - Depersonalisation und Schizophrenie -

Überblick Selbst und Selbststörungen - Phänomenologie des Selbst - Depersonalisation und Schizophrenie - Demenz und Personalität Intersubjektivität und ihre Störungen - Phänomenologie der Intersubjektivität - Autismus - Schizophrenie

I. Anthropologische Bedingungen psychischer Krankheit

I. Anthropologische Bedingungen psychischer Krankheit

Warum gibt es psychische Krankheit? Philosophische und psychiatrische Anthropologie Was an der psychophysischen Organisation

Warum gibt es psychische Krankheit? Philosophische und psychiatrische Anthropologie Was an der psychophysischen Organisation des Menschen ist es, das ihn für psychische Krankheiten so offensichtlich anfällig oder vulnerabel macht? Anhaltende psychische Störungen kommen bei frei lebenden Tieren nicht vor. → „anthropologische Vulnerabilität“ - Nur der Mensch begeht Suizid.

Anthropologische Vulnerabilität „Dem Menschsein ist seine Unfertigkeit, seine Offenheit, seine Freiheit und seine unabschließbare

Anthropologische Vulnerabilität „Dem Menschsein ist seine Unfertigkeit, seine Offenheit, seine Freiheit und seine unabschließbare Möglichkeit selber Grund eines Krankseins. ” (Jaspers 1965) Inwieweit sind es gerade die neuartigen Freiheitsgrade der menschlichen Organisation, die notwendig mit einer Labi lität und Fragilität der menschlichen Psyche einhergehen? Grenzen der genetischen und neurobiologischen Erklärungen

Überblick 1) Anthropologische Vulnerabilität: Grundbedingungen für psychische Erkrankung des Menschen (Offenheit, Widersprüche seiner Daseinsform)

Überblick 1) Anthropologische Vulnerabilität: Grundbedingungen für psychische Erkrankung des Menschen (Offenheit, Widersprüche seiner Daseinsform) 2) Existenzielle Vulnerabilität: Besondere Empfindlichkeit für die grundlegenden Konflikte und Widersprüche des menschlichen Daseins Vulnerabilität für Grenzsituationen

1) Anthropologische Vulnerabilität

1) Anthropologische Vulnerabilität

Anthropologische Vulnerabilität - „Instinktarmut“ des Menschen (Max Scheler 1929, Arnold Gehlen 1940) - Offenheit

Anthropologische Vulnerabilität - „Instinktarmut“ des Menschen (Max Scheler 1929, Arnold Gehlen 1940) - Offenheit der Entwicklung Nietzsche: das „nicht festgestelle Tier“ Portmann: „physiologische Frühgeburt“ Einzigartige Plastizität des menschlichen Gehirns

Anthropologische Vulnerabilität Menschliches Verhalten ist zu einem hohen Grad durch kulturelle Schemata und Rollen

Anthropologische Vulnerabilität Menschliches Verhalten ist zu einem hohen Grad durch kulturelle Schemata und Rollen bestimmt, die Instinkte ersetzen. Individuelle Wahlmöglichkeiten, Selbstformung

Anthropologische Vulnerabilität „Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem

Anthropologische Vulnerabilität „Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen. In die Mitte der Welt habe ich dich gestellt, damit du wie ein Former deiner selbst nach eigenem Belieben zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. “ Pico de la Mirandola, De hominis dignitate (1486)

Anthropologische Bedingungen der Angst - biologische Funktion als Warnsystem - soziale und existenzielle Gefährdungen

Anthropologische Bedingungen der Angst - biologische Funktion als Warnsystem - soziale und existenzielle Gefährdungen - Freud sah die primäre Wurzel der neurotischen Angstbereitschaft in der „lang hingezogenen Hilflosigkeit und Abhängigkeit des kleinen Menschenkindes“ - Teil des Bindungssystems (Bowlby 1975) - „Disgregationsangst“ (Bilz 1971)

Anthropologische Bedingungen der Angst - Angst als interne Instanz der Selbstkontrolle (Freud, Unbehagen in

Anthropologische Bedingungen der Angst - Angst als interne Instanz der Selbstkontrolle (Freud, Unbehagen in der Kultur) - „Gewissen ist in seinem Ursprung ‚soziale Angst‘ und nichts anderes“ (Freud 1926) - frei flotierende Grundangst - Angst aufgrund der Fähigkeit zur Imagination

Anthropologische Bedingungen der Angst - Todesbewusstsein und existenzielle Ängste - Angst als „Schwindel der

Anthropologische Bedingungen der Angst - Todesbewusstsein und existenzielle Ängste - Angst als „Schwindel der Freiheit“ Arnold Böcklin: Selbstbildnis mit fiedelndem Tod

Exzentrische Positionalität (H. Plessner 1928) - Der Mensch kann aus dem Zentrum seiner Welt

Exzentrische Positionalität (H. Plessner 1928) - Der Mensch kann aus dem Zentrum seiner Welt heraustreten und die Perspektive eines Beobachters seiner selbst einnehmen, d. h. sich selbst mit den Augen anderer sehen. - Entwicklung von Selbstbewusstsein und Reflexivität im 2. und 3. Lebensjahr → Selbstverhältnis

Exzentrische Positionalität (H. Plessner 1928) - Brechung von Unmittelbarkeit und Spontaneität - selbstreflexiven Emotionen

Exzentrische Positionalität (H. Plessner 1928) - Brechung von Unmittelbarkeit und Spontaneität - selbstreflexiven Emotionen wie Befangenheit, Stolz, Scham oder Schuld - histrionische, narzisstische, depressive, sozial phobische u. a. Störungen: Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung aus der Sicht der anderen - Reflexionsvermögen als potenzielle Entfremdung: Ruminationen, Zwangsgedanken, Hyperreflexivität

 Hyperreflexivität: Zwangsneurose Angst vor den unkontrollierbaren Impulsen oder Wünschen führt zu übermäßiger Abwehr

Hyperreflexivität: Zwangsneurose Angst vor den unkontrollierbaren Impulsen oder Wünschen führt zu übermäßiger Abwehr in Form von vielfältigen Zwangssymptomen Ein 21 jähriger, perfektionistischer Patient begann nach dem Abitur eine Buchhalterlaufbahn, merkte jedoch bald, dass seine Schrift nicht immer gut leserlich war. Von seinem Chef darauf aufmerksam gemacht, versuchte er nun, sich zu verbessern und opferte seine ganze Zeit, um „schön schreiben zu lernen“.

Hyperreflexivität: Zwangsneurose Er versuchte, Buchstaben aus der Handschrift seines Freun des zu übernehmen, wusste

Hyperreflexivität: Zwangsneurose Er versuchte, Buchstaben aus der Handschrift seines Freun des zu übernehmen, wusste jedoch bald nicht mehr, welche Buchstaben er verwenden, wie er eigentlich schreiben solle. Nur mehr auf seine Handschrift konzentriert, konnte er schließlich vor anderen nicht mehr schreiben, entwickelte Ängste vor ihrer Beobachtung und musste seine Tätigkeit aufgeben. In der Klinik gelang es durch Vorgabe der paradoxen Inten tion: „Dem schmiere ich was vor, ich schreibe nur um zu schmieren, nur um 30 mal stecken zu bleiben“, innerhalb von 3 Wochen, die Störung zu heilen. (Viktor Frankl 1958)

 Hyperreflexivität: Depersonalisation „Alle gesunden Menschen haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Daseienden

Hyperreflexivität: Depersonalisation „Alle gesunden Menschen haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um sie her. Indessen gibt es auch einen hohlen Fleck im Ge hirn, das heißt eine Stelle, wo sich kein Gegenstand abspiegelt, wie denn auch im Auge selbst ein Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf diese Stelle besonders aufmerksam, vertieft er sich darin, so verfällt er in eine Geisteskrankheit …“ (Goethe, Maximen und Reflexionen)

 Hyperreflexivität: Depersonalisation „Ich muss mich ständig fragen, wer ich eigentlich bin. Darüber denke

Hyperreflexivität: Depersonalisation „Ich muss mich ständig fragen, wer ich eigentlich bin. Darüber denke ich so viel nach, dass ich zu nichts anderem mehr komme. . . Als wenn man plötzlich eine völlig andere Person wäre. “ (de Haan u. Fuchs 2009) René Magritte: Die verbotene Reproduktion

 Hyperreflexivität: Depersonalisation „Sobald ihm ein Gedanke durch den Kopf ging, musste er seine

Hyperreflexivität: Depersonalisation „Sobald ihm ein Gedanke durch den Kopf ging, musste er seine Aufmerksamkeit zurück lenken, um genau zu wissen, was er gedacht hatte. Er hatte Angst davor, er könnte für einen Moment zu denken aufhören, es könnte vielleicht einmal vorgekommen sein, dass „meine Vorstellung stillstand“. Eines Nachts wachte er auf und fragte sich: „Denke ich eigentlich gerade? Da es nichts gibt, das beweist, dass ich denke, kann ich nicht wissen, ob ich existiere. “ (Hesnard 1904)

 Exzentrische Position und Schizophrenie: „Lost in Perspectives“ Ein schizophrener Patient konnte in Gesprächen

Exzentrische Position und Schizophrenie: „Lost in Perspectives“ Ein schizophrener Patient konnte in Gesprächen oft nicht mehr zwi schen sich und dem Gesprächspartner unterscheiden. Er wusste nicht mehr, wessen Gedanken von wem stammten, und hatte das Gefühl, als ob der andere irgendwie in ihn ‚eindringe’, was er als extrem beängstigend erlebte. Wenn er auf der Straße ging, vermied er es sorgfältig, sein Spiegelbild in den Schaufenstern anzusehen, weil er nicht sicher war, auf welcher Seite er sich eigentlich befand. (Parnas 2003)

 Leib Körper Verhältnis „Der Mensch ist sein Leib und zugleich steht er in

Leib Körper Verhältnis „Der Mensch ist sein Leib und zugleich steht er in der Reflexion seinem Leibe auch gegenüber. “ Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie → Hypochondrie, Somatisierungsstörungen, Herzphobie, Dysmorphophobie, Essstörungen, u. a.

 Leib Körper Verhältnis: Hypochondrie Ein Patient ängstigte sich vor einem Tumor, durch den

Leib Körper Verhältnis: Hypochondrie Ein Patient ängstigte sich vor einem Tumor, durch den er das Augenlicht verlieren könnte. Er beobachtete fortwährend seine Sehfähigkeit und registrierte angespannt seine Augenempfindungen, wodurch er freilich nur zusätzliche Verspannungen, Missempfin dungen und Tränensekretionen hervorrief. Bewusstssein der Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Körpers

 Leib Körper Verhältnis: Anorexie Körper als entfremdetes Objekt der Kontrolle Triumph der Autarkie

Leib Körper Verhältnis: Anorexie Körper als entfremdetes Objekt der Kontrolle Triumph der Autarkie und Autonomie „Es war, als müsste ich meinen Körper bestrafen. Ich hasste und verabscheute ihn. Wenn ich ihn ein paar Tage normal behandelte, musste ich ihn wieder entbehren lassen. Ich fühlte mich in meinem Körper gefangen – solange ich ihn unter strenger Kontrolle hatte, konnte er mich nicht betrügen. “

2) Existenzielle Vulnerabilität

2) Existenzielle Vulnerabilität

Existenzielle Vulnerabilität Besondere Empfindlichkeit für die prekären und wider sprüchlichen Grundbedingungen der menschlichen Existenz

Existenzielle Vulnerabilität Besondere Empfindlichkeit für die prekären und wider sprüchlichen Grundbedingungen der menschlichen Existenz Damit können selbst alltäglich erscheinende Konflikt oder Verlustsituationen zu Grenzsitutionen werden (Jaspers 1919).

Jaspers’ Begriff der Grenzsituation Situationen, in denen eine bislang verdeckte oder verdrängte Grundbedingung der

Jaspers’ Begriff der Grenzsituation Situationen, in denen eine bislang verdeckte oder verdrängte Grundbedingung der Existenz zutage tritt: - die Unausweichlichkeit von Freiheit und Entscheidung; - die Unvermeidbarkeit von Trennung oder Schuld; - die Verletzlichkeit des eigenen Leibes; - die grundsätzliche Einsamkeit des Daseins; - die eigene Endlichkeit. Zerbrechen des „Gehäuses“: Grundeinstellungen, Grundannahmen, Gedankengebäude „existenzielle Abwehrmechanismen“

“Gehäuse”: Implizite Grundannahmen (1) Die Welt ist gerecht eingerichtet. Wenn ich mich nur genügend

“Gehäuse”: Implizite Grundannahmen (1) Die Welt ist gerecht eingerichtet. Wenn ich mich nur genügend einsetze, wird das auch belohnt (Typus Melancholicus) (2) Solange ich mir nichts zuschulden kommen lasse, kann mir auch nichts Böses geschehen (Typus Melancholicus). (3) Wenn ich mich anderen unterordne, kann ich auf ihren Schutz und ihre Führung rechnen, und mir kann nichts geschehen (dependente Abwehr).

“Gehäuse”: Implizite Grundannahmen (4) Wenn ich alles perfekt mache, habe ich das Leben unter

“Gehäuse”: Implizite Grundannahmen (4) Wenn ich alles perfekt mache, habe ich das Leben unter Kontrolle und kann von nichts Unvorhergesehenem überrascht werden (zwanghaft perfektionistische Abwehr). (5) Wenn ich immer mehr leiste/immer höher aufsteige, kann mir der Tod nichts anhaben (narzisstische Abwehr).

Beispiel eines „Gehäuses“ „Typus Melancholicus“ (Tellenbach): - rigide Ordentlichkeit und Pflichterfüllung - Gewissenhaftigkeit -

Beispiel eines „Gehäuses“ „Typus Melancholicus“ (Tellenbach): - rigide Ordentlichkeit und Pflichterfüllung - Gewissenhaftigkeit - Überanpassung - Festhalten an Bindungen bis zur Selbstverleugnung - Schuldvermeidung

Grenzsituation als Freilegung „Die bewusste Erfahrung der Grenzsituationen, die vorher durch das feste Gehäuse

Grenzsituation als Freilegung „Die bewusste Erfahrung der Grenzsituationen, die vorher durch das feste Gehäuse der … selbstverständlichen Lebensformen, Weltbilder, Glaubensvorstellungen verdeckt waren (…) [lässt] einen Prozess beginnen, der das vorher selbstverständliche Gehäuse zur Auflösung bringt. (…) jetzt wird mehr oder weniger klar, was Gehäuse ist, und dieses als Bindung, Beschränkung oder als zweifelhaft erfahren, ohne die Kraft zum Haltgeben zu besitzen. “ (Psychologie der Weltanschauungen)

 (1) Vulnerabilität in Bezug auf die Leiblichkeit Hypochondrische Vulnerabilität: Besonde re Sensitivität für

(1) Vulnerabilität in Bezug auf die Leiblichkeit Hypochondrische Vulnerabilität: Besonde re Sensitivität für die Krankheitsanfälligkeit, Verletzlich keit und Hin fällig keit des Leibes

 Existenzielle Abwehr und Grenzsituation Ein 64 jähriger Patient erkrankte bald nach seiner Pensio

Existenzielle Abwehr und Grenzsituation Ein 64 jähriger Patient erkrankte bald nach seiner Pensio nierung an einer schweren Depression. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und aus einer überwiegend kränklichen Familie, von der er selbst etwas verächtlich berichtete. Er selbst hatte es durch härteste Arbeit und äußersten Ehrgeiz zum Personalleiter eines großen Unter nehmens gebracht, dabei freilich Familie und Partnerschaft immer hintan gestellt. Er sei in 45 Berufsjahren nur 10 Tage krank gewesen.

 Existenzielle Abwehr und Grenzsituation Ein 64 jähriger Patient erkrankte bald nach seiner Pensio

Existenzielle Abwehr und Grenzsituation Ein 64 jähriger Patient erkrankte bald nach seiner Pensio nierung an einer schweren Depression. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und aus einer überwiegend kränklichen Familie, von der er selbst etwas verächtlich berichtete. Er selbst hatte es durch härteste Arbeit und äußersten Ehrgeiz zum Personalleiter eines großen Unter nehmens gebracht, dabei freilich Familie und Partnerschaft immer hintan gestellt. Er sei in 45 Berufsjahren nur 10 Tage krank gewesen.

 Existenzielle Abwehr und Grenzsituation Unmittelbarer Auslöser der De pression war die Extraktion dreier

Existenzielle Abwehr und Grenzsituation Unmittelbarer Auslöser der De pression war die Extraktion dreier Zähne. Sie war ge kennzeichnet vom Gefühl des Zerfalls: Alle Kraft, so klagte der Pa tient, sei ver schwun den, Arme und Beine gehorchten ihm nicht mehr. Er habe Raub bau an seiner Gesundheit betrieben, sich nicht um seine Familie ge küm mert, und erhalte nun die Quittung dafür. Das Leben sei für ihn zu Ende. Der Todesschweiß stehe ihm schon auf der Stirn: man solle ihn doch in ein Leichenzimmer im Keller fahren und dort sterben lassen.

 (2) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Freiheit und Entscheidung Besonde re

(2) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Freiheit und Entscheidung Besonde re Sensitivität für die Unabwägbarkeit, Unkontrollierbarkeit, die mit Entscheidungen verbunden sind

 (2) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Freiheit und Entscheidung Ein 33

(2) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Freiheit und Entscheidung Ein 33 jähriger Student der Zahnmedizin sucht Hilfe, da seine Abschluss prü fun gen bevorstehen und er nicht mehr in der Lage ist, sich konzentriert vorzu berei ten. Im Gespräch wird deutlich, dass er schon seit Jahren unter einer Zwangs symptomatik leidet, die von ständigem Grübeln über bis zu Kontroll zwängen reicht. Immer wieder müsse er durch denken, ob er in den vergange nen Tagen die richtigen Ent scheidungen getroffen habe, meist bereue er seine Entschlüsse und würde sie am liebsten wieder rück gängig machen.

 (2) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Freiheit und Entscheidung In Ge

(2) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Freiheit und Entscheidung In Ge schäften schwanke er manchmal über eine Stunde zwischen den verschiedenen Angeboten hin und her, und wenn er dann zugreife, grübele er noch tagelang darüber nach, ob er nicht doch besser den anderen Ar tikel gekauft hätte. „Im mer denke ich, auf dem fal schen Gleis zu sein, und möchte wie der zu den Weichen zurück … ich kann nicht akzeptieren, dass seither schon wieder Zeit vergan gen ist, und gerate darüber re gelrecht in Verzweiflung. “ In letzter Zeit habe ihn zunehmend Panik ergriffen, denn mit dem Abschluss des Studiums stünden nur noch schwieri gere Entschei dungen be vor.

 (3) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Verantwortung und Schuld Besonde re

(3) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Verantwortung und Schuld Besonde re Sensitivität für die Unvertretbarkeit und Verantwortlichkeit der eigenen Existenz

 (3) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Verantwortung und Schuld Eine 55

(3) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Verantwortung und Schuld Eine 55 jährige Frau hatte sich lange mit der Entschei dung gequält, ob sie ihr Haus verkaufen solle, das ihr nach dem Tod ihres Mannes zu groß geworden war. Auf vielfachen Rat ihrer Umgebung hin rang sie sich schließ lich zum Verkauf durch, geriet jedoch bald darauf in eine Krise, in der sie ihren Entschluss bitter bereute und schließlich in eine schwere Depression fiel. Sie klagte unablässig über ihre Fehlentscheidung; sie habe einen schweren finanziellen Verlust erlitten und ihren Kindern irreparablen Schaden zugefügt.

 (3) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Verantwortung und Schuld Wie sich

(3) Vulnerabilität in Bezug auf die Grundsituation von Verantwortung und Schuld Wie sich in der weite ren Therapie nach Besse rung der akuten Krankheit zeigte, waren es vor allem zwei Momente der Entscheidung, die für die Patientin un er träglich waren: zum einen ihre Unwiderruflich keit, die ver knüpft war mit der endgültigen Anerkennung des Todes ihres Mannes, mit dem sie über 20 Jahre in dem Haus zusam mengelebt hatte. Zum anderen hatte sie zum ersten Mal eine grundlegende Lebensentschei dung ohne ihren Mann zu tref fen, was ihre Ein samkeit und ihre unaufhebbare Eigenver antwortung of fenbarte.

 Zusammenfassung Anthropologische Vulnerabilität: - Offenheit, Ungesichertheit und Widersprüchlichkeit der Organisations und Daseinsform des

Zusammenfassung Anthropologische Vulnerabilität: - Offenheit, Ungesichertheit und Widersprüchlichkeit der Organisations und Daseinsform des Menschen - Physiologische Frühgeburt: Unreife, Abhängigkeit - Mangel an vorgegebenen Instinkten und Verhaltens schemata - Exzentrische Position: potenzielle Entfremdung und Selbstwidersprochenheit - Todesbewusstsein

 Zusammenfassung Existenzielle Vulnerabilität: Hypersensitivität für Grundsituationen Existenzielle Abwehrformen („Gehäuse“) Grenzsituationen des Zusammenbruchs der

Zusammenfassung Existenzielle Vulnerabilität: Hypersensitivität für Grundsituationen Existenzielle Abwehrformen („Gehäuse“) Grenzsituationen des Zusammenbruchs der Abwehr Existenzielle Therapie: Bewältigung der Grenzsituation durch Einsicht und Annahme der Grundsituation

Annahme der Grundsituation - Anankastische Struktur: Zufälligkeit und Unberechenbar keit der Welt - Typus

Annahme der Grundsituation - Anankastische Struktur: Zufälligkeit und Unberechenbar keit der Welt - Typus Melancholicus: keine letzte Rechtfertigung; Norm und Pflichterfüllung ersetzt nicht eigene Identität - Dependente Struktur: Selbstwahl und unvertretbare Freiheit - Narzisstische Struktur: Begrenztheit, Gewöhnlichkeit, Endlichkeit

"Homo sum, humani nihil a me alienum puto. “ (Terenz)

"Homo sum, humani nihil a me alienum puto. “ (Terenz)

II. Phänomenologische Psychopathologie

II. Phänomenologische Psychopathologie

 Phänomenologischer Ansatz Edmund Husserl (1859 1938) Karl Jaspers (1883 1969)

Phänomenologischer Ansatz Edmund Husserl (1859 1938) Karl Jaspers (1883 1969)

Karl Jaspers (1883 1969)

Karl Jaspers (1883 1969)

 Karl Jaspers (1883 1969) 1913 1973

Karl Jaspers (1883 1969) 1913 1973

 Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie „Wir bringen uns die einzelnen seelischen Qualitäten, die Art,

Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie „Wir bringen uns die einzelnen seelischen Qualitäten, die Art, wie den Kranken etwas im Bewusstsein gegeben ist, zur möglichst klaren Vergegenwärtigung (…) Hierbei sehen wir noch ganz ab von der Entste hung der Phänomene, dem Auseinanderhervorgehen seelischer Phänomene, theoretischen Vorstellungen über Zugrundeliegendes“ (Allgemeine Pscyhopatho logie, 1973, S. 18). Grundstrukturen des Bewusstseinsstroms

 Phänomenologische Ansätze Deskriptive Phänomenologie „anschauliche Vergegenwärtigung“ der Erlebnisse des Kranken durch empathisches und

Phänomenologische Ansätze Deskriptive Phänomenologie „anschauliche Vergegenwärtigung“ der Erlebnisse des Kranken durch empathisches und imaginatives Sich Hineinversetzen (Jaspers 1913) Eidetische Phäno menologie (eidos = Wesen) Herausarbeitung von Wesenszügen, Grundmustern oder Typologien psychopathologischer Phänomene durch imaginative Variation (Durchspielen verschie dener Erfahrungsbedingungen) oder typische Einzelfallstudien

 Phänomenologische Ansätze Transzendentale Phänomenologie Analyse von Störungen der „transzendentalen“ Organisation von Bewusstsein, v.

Phänomenologische Ansätze Transzendentale Phänomenologie Analyse von Störungen der „transzendentalen“ Organisation von Bewusstsein, v. a. im psychotischen Erleben (Raum, Zeit, Objektkonstitution, Selbst, Intersubjektivität u. a. )

 Phänomenologische Psychopathologen Ludwig Binswanger Erwin Straus Emil von Gebsattel Eugène Minkowski Hubertus Tellenbach

Phänomenologische Psychopathologen Ludwig Binswanger Erwin Straus Emil von Gebsattel Eugène Minkowski Hubertus Tellenbach Wolfgang Blankenburg Alfred Kraus u. v. a.

 Moderne phänomenologische Psychopathologie Zentrale Struk turen des Bewusstseins: Inten tionalität, Leiblichkeit, Räumlichkeit, Zeit

Moderne phänomenologische Psychopathologie Zentrale Struk turen des Bewusstseins: Inten tionalität, Leiblichkeit, Räumlichkeit, Zeit lich keit, Dingkonstitution, Intersubjektivität Einheit von Subjektivität und Welterfahrung Krankheit weder als ein rein objektives, im Gehirn lokalisierbares Geschehen als Erleben im verborgenen „Innenraum“ des Psychischen Die Krankheit ist nicht „im Patienten“, sondern der Patient ist „in der Krankheit“.

 Moderne phänomenologische Psychopathologie Psychisches Kranksein zeigt sich im Erlebenso wie im leiblichen Erscheinen

Moderne phänomenologische Psychopathologie Psychisches Kranksein zeigt sich im Erlebenso wie im leiblichen Erscheinen und Verhalten, in der Zeitlichkeit des Lebensvollzugs, in den Beziehungen zu den anderen, kurz: im gesamten In der Welt Sein des Kranken. „Der Patient ist krank, das heißt, seine Welt ist krank“. (Jan van den Berg 1970)

 Moderne phänomenologische Psychopathologie Methode der „phänomenologischen Reduktion“: von Objektivierungen, Erklärungen und Interpretationen zurück

Moderne phänomenologische Psychopathologie Methode der „phänomenologischen Reduktion“: von Objektivierungen, Erklärungen und Interpretationen zurück zu den ursprünglichen, Erlebnisformen (Husserl: „zu den Sachen selbst“) „Epochè“: „Einklammerung" von Vorannahmen, Deutungsmustern, Theorien

 Phänomenologische Psychopathologie Grundfragen: • Wie ist es, in einem bestimmten psychischen Zustand zu

Phänomenologische Psychopathologie Grundfragen: • Wie ist es, in einem bestimmten psychischen Zustand zu sein? • Wie erlebt der Patient Leib und Raum? • Wie erlebt der Patient Zeit? • Wie erfährt der Patient seine Welt? • Inwieweit ist der Patient in der Lage, sich in andere einzufühlen und ihre Perspektive zu übernehmen?

 Phänomenologischer Ansatz Subjektivität als Verhältnis zur Welt, nicht als Objekt Erfassung der Form

Phänomenologischer Ansatz Subjektivität als Verhältnis zur Welt, nicht als Objekt Erfassung der Form und Struktur, nicht des Inhalts der subjektiven Erfahrung Symptome werden in Bezug zum Subjekt und zur bewussten Erfahrung als ganzer gesetzt Beispiel: “Deprimiertheit” in verschiedenen Erkrankungen

 Phänomenologische Psychopathologie Einbettung der Einzelmerkmale in die Gesamtheit des Welt und Selbstverhältnisses des

Phänomenologische Psychopathologie Einbettung der Einzelmerkmale in die Gesamtheit des Welt und Selbstverhältnisses des Patienten gibt den Symptomen erst ihre diagnostische Wertigkeit Phänomenologische Erfassung des Selbst und Weltverhältnisses Beschreibung in Kategorien wie Leiblichkeit, Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Intentionalität, Intersubjektivät u. a. “The patient is ill, that means, his world is ill” (van den Berg)

 Phänomenologische Psychopathologie Frage nach dem “Grundmuster” einer Erkrankung (z. B. Schizophrenie als “disembodiment”,

Phänomenologische Psychopathologie Frage nach dem “Grundmuster” einer Erkrankung (z. B. Schizophrenie als “disembodiment”, Depression als Störung der Zeitigung) Bildung von Prototypen (z. B. “Typus Melancholicus”)

A. Leiblichkeit

A. Leiblichkeit

Körper Haben und Leib Sein mhd. ‚lip“ = Leib, Leben lat. corpus = Körper,

Körper Haben und Leib Sein mhd. ‚lip“ = Leib, Leben lat. corpus = Körper, Leichnam (engl. ‚corpse‘) Samuel Storch (1780) „Versuch in richtiger Bestimmung einiger gleichlautender Wörter deutschen Sprache“: „Eigentlich braucht man das Wort Leib, nur von lebendigen, und Körper von leblosen Geschöpfen. Man sagt: Der Leib des Menschen. Der Körper der Sonne … das Wachs ist ein weicher, das Wasser ein flüssiger Körper. “

Körper Haben und Leib Sein Leib als unthematische, präreflexives „Zur Welt Sein“ (Merleau Ponty

Körper Haben und Leib Sein Leib als unthematische, präreflexives „Zur Welt Sein“ (Merleau Ponty 1945) „verborgener Leib“ Körper als wahrgenommener, reflektierter Leib – Leib als Gegenstand meiner Erfahrung Körper als anatomisches Objekt

Husserl: Personalistische versus naturalistische Einstellung Leib als „Umschlagstelle“ „Ambiguität des Leibes“ (Merleau Ponty)

Husserl: Personalistische versus naturalistische Einstellung Leib als „Umschlagstelle“ „Ambiguität des Leibes“ (Merleau Ponty)

„Eines ist mein Arm als Träger dieser und jener mir ge läufigen Gesten, mein

„Eines ist mein Arm als Träger dieser und jener mir ge läufigen Gesten, mein Leib als Vermögen bestimmten Tuns (…); und ein anderes ist mein Arm als Muskel und Knochenmaschine, als Beuge und Streckapparat, als artikulierbares Objekt (…) Nie ist es unser objektiver Körper, den wir bewegen, sondern stets unser phäno menaler Leib. “ (Merleau Ponty 1966)

Körper Haben – Leib Sein

Körper Haben – Leib Sein

Leib gelebt / erlebt beseelt leiblich „Natur, die wir sind“ (Gernot Böhme) Körper physikalisch

Leib gelebt / erlebt beseelt leiblich „Natur, die wir sind“ (Gernot Böhme) Körper physikalisch materiell physiologisch organisch „Natur, die wir haben“ Körperschema Körperbild (body schema) (body image)

Leib und Körper im alltäglichen Erleben Polarität von Leibsein und Körperhaben - „fungierender Leib“

Leib und Körper im alltäglichen Erleben Polarität von Leibsein und Körperhaben - „fungierender Leib“ (Husserl): Leib als Medium der Weltbeziehung, agiert im Hintergrund - gespürter, affizierbarer Leib - Körper als „Instrument“, besonders in Störungen erfahrbar - anatomischer Körper

Leib und Körper im alltäglichen Erleben - „Körper für andere“ (Sartre) – body image

Leib und Körper im alltäglichen Erleben - „Körper für andere“ (Sartre) – body image - Scham und (nackter) Körper - Scham und Lächerlichkeit

Leib und Körper im alltäglichen Erleben Zusammenfassung: - Unwillkürliche, gelebte Leiblichkeit – Körper als

Leib und Körper im alltäglichen Erleben Zusammenfassung: - Unwillkürliche, gelebte Leiblichkeit – Körper als Gegenstand der Aufmerksamkeit - Leib als Werden, Körper als Gewordensein - Frühkindliche Entwicklung: vom Leib zum Körper - Habitus als „Leibbeherrschung“

Zuviel Denken Psychopathologie der Hyperreflexivität

Zuviel Denken Psychopathologie der Hyperreflexivität

„Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, Übermaß an Bewusstsein ist eine Krankheit, eine wirkliche, alles

„Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, Übermaß an Bewusstsein ist eine Krankheit, eine wirkliche, alles durchdringende Krankheit. Für den alltäglichen Bedarf würde das gewöhnliche menschliche Bewusstsein vollauf genügen, das heißt um die Hälfte weniger als jene Portion, die auf einen entwickelten Menschen unseres unglücklichen Jahrhunderts entfällt. “ Dostojewski, Aufzeichnungen aus einem Kellerloch (1864)

Ambivalenz des reflexiven Bewusstseins „Die Bewusstheit ist die späteste Entwickelung des Organischen und folglich

Ambivalenz des reflexiven Bewusstseins „Die Bewusstheit ist die späteste Entwickelung des Organischen und folglich auch das Unfertigste und Unkräftigste daran. Aus der Bewusstheit stammen unzählige Fehlgriffe, und wäre nicht der erhaltende Verband der Instinkte so viel mächtiger, so müsste die Menschheit an ihrer Bewusstheit zu Grunde gehen“. F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft (1882)

Leib und Reflexion Bewusstsein als Verhängnis?

Leib und Reflexion Bewusstsein als Verhängnis?

Reflexion und Hemmung Zögern Zweifel, Ambivalenz Entfremdung

Reflexion und Hemmung Zögern Zweifel, Ambivalenz Entfremdung

Anlässe der Reflexion: Störungen Widerstand Überraschung, Irritation Enttäuschung, Misserfolg

Anlässe der Reflexion: Störungen Widerstand Überraschung, Irritation Enttäuschung, Misserfolg

Psychische Krankheiten als Störungen des Lebensvollzugs Selbstbeobachtung, Rückwendung des Denkens Hyperreflexivität Selbstentfremdung

Psychische Krankheiten als Störungen des Lebensvollzugs Selbstbeobachtung, Rückwendung des Denkens Hyperreflexivität Selbstentfremdung

I. Reflexion und Leiblichkeit

I. Reflexion und Leiblichkeit

Die implizite Struktur des Leib als Medium des Lebensvollzugs Implizites, „stillschweigendes“ Wissen und Können

Die implizite Struktur des Leib als Medium des Lebensvollzugs Implizites, „stillschweigendes“ Wissen und Können (Michael Polanyi 1967) Bildung von Gestalt und Sinneinheiten ohne Bewusstsein der Einzelelemente

Selbstvergessenheit ist das Kennzeichen des gelungenen leiblichen Vollzugs. „Es ist ein allgemeines Prinzip in

Selbstvergessenheit ist das Kennzeichen des gelungenen leiblichen Vollzugs. „Es ist ein allgemeines Prinzip in der Psychologie, dass das Bewusstsein alle Prozesse verlässt, in denen es nicht mehr von Nutzen ist. “ William James 1890 Leiblichkeit als „vermittelte Unmittelbarkeit“ (Hegel)

Störungen des leiblichen Mediums Ungeschick, Unvermögen Krankheit „Analytische“ Wirkung des reflexiven Bewusstseins „Explikation des

Störungen des leiblichen Mediums Ungeschick, Unvermögen Krankheit „Analytische“ Wirkung des reflexiven Bewusstseins „Explikation des Impliziten“

Störungen des leiblichen Mediums Störung unwillkürlicher Abläufe und Regungen Von selbst Geschehen ↔ willkürliches

Störungen des leiblichen Mediums Störung unwillkürlicher Abläufe und Regungen Von selbst Geschehen ↔ willkürliches Tun „Blick des Anderen“ (Befangenheit, Scham)

Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater (1810) Ein junger Mann von außergewöhnlicher natürlicher Grazie,

Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater (1810) Ein junger Mann von außergewöhnlicher natürlicher Grazie, so berichtet der Erzähler, habe durch eine bloße Bemerkung, gleichsam vor seinen Augen, seine Unschuld verloren: Nach einem mit dem Erzähler genommenen Bad erblickt sich der Jüngling im Spiegel bei einer Geste, die ihn an eine von ihnen beiden einmal gesehene Plastik erinnert. Er teilt dies dem Erzähler mit, aber der lacht und macht eine spöttische Bemerkung, worauf der junge Mann schamhaft errötet.

Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater (1810) Er wiederholt die Geste daraufhin noch mehrere

Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater (1810) Er wiederholt die Geste daraufhin noch mehrere Male, aber sie missglückt auf komische Weise. Von diesem Tag an ist der junge Mann nicht mehr, was er war: "Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken. . . "

II. Psychopathologie der Hyperreflexivität (1) Schlafstörung

II. Psychopathologie der Hyperreflexivität (1) Schlafstörung

(2) Hypochondrie Ein Patient ängstigte sich vor einem Tumor, durch den er das Augenlicht

(2) Hypochondrie Ein Patient ängstigte sich vor einem Tumor, durch den er das Augenlicht verlieren könnte. Er beobachtete fortwährend seine Sehfähigkeit und registrierte angespannt seine Augenempfindungen, wodurch er freilich nur zusätzliche Verspannungen, Missempfindungen und Tränensekretionen hervorrief. Bewusstssein der Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Körpers

(3) Dysmorphophobie („Missgestaltsfurcht“) Vermeintliche Körperentstellung Intensive Schamgefühle, sozialer Rückzug Steigerung zum paranoides Beobachtungserleben („Egozentrismus“),

(3) Dysmorphophobie („Missgestaltsfurcht“) Vermeintliche Körperentstellung Intensive Schamgefühle, sozialer Rückzug Steigerung zum paranoides Beobachtungserleben („Egozentrismus“), bis hin zur Wahnentwicklung Thema: Körper für andere, Körperbild Scham und soziale Exponierung

(3) Dysmorphophobie („Missgestaltsfurcht“) Ein 16 jähriges, schon zuvor schüchternes Mädchen entwickelte nach wiederholten Erfahrungen

(3) Dysmorphophobie („Missgestaltsfurcht“) Ein 16 jähriges, schon zuvor schüchternes Mädchen entwickelte nach wiederholten Erfahrungen von Zurücksetzungen in ihrer Klasse (Hänseleien, Ausschlusssituationen, u. a. ) die Vorstellung, ihr Unterkiefer sei zu breit, die Lippen zu schmal und ihr Gesicht dadurch entstellt. Sie schloss sich immer länger im Bad ein, kontrollierte ihr Gesicht und ihr Aussehen und grübelte über Möglichkeiten nach, daran etwas zu ändern.

(3) Dysmorphophobie („Missgestaltsfurcht“) Beruhigende Versicherungen von Eltern und Freundinnen – sie war eigentlich durchaus

(3) Dysmorphophobie („Missgestaltsfurcht“) Beruhigende Versicherungen von Eltern und Freundinnen – sie war eigentlich durchaus gutaussehend – hatten keine Wirkung, auch das Aufspritzen der Lippen führte eher noch zu einer Verschlimmerung ihrer Hässlichkeitsgefühle. Nach einigen Monaten zunehmenden Rückzugs geriet sie in eine schwere Depression.

(4) Anorexie „Körper für Andere“: Der Körper wird zum Objekt, dessen Volumen und Maße

(4) Anorexie „Körper für Andere“: Der Körper wird zum Objekt, dessen Volumen und Maße ständig beobachtet, kontrolliert und in ein fatales Zwangsregime gezwungen werden. Das Idealselbst wird im perfekten body image gesucht. Ideal des engelsgleichen, asexuellen, ja letztlich des verschwindenden Körpers

(4) Anorexie Kampf gegen die Abhängigkeit vom Leib und seiner unkontrollierbaren Natur, von seinen

(4) Anorexie Kampf gegen die Abhängigkeit vom Leib und seiner unkontrollierbaren Natur, von seinen Hunger und Geschlechtstrieben Hauptaffekt Ekel „Es ekelte mich vor mir selbst, vor meinem vollgestopf ten Körper. (…) Der Geschmack von faulen Eiern stieg in mir hoch. Ich stellte mir vor, wie nun alles in mir in einen Fäulnisprozess übergegangen sein musste. “ (Graf 1988)

(4) Anorexie Autarkie Ideal „Es war, als müsste ich meinen Körper bestrafen. Ich hasse

(4) Anorexie Autarkie Ideal „Es war, als müsste ich meinen Körper bestrafen. Ich hasse und ver ab scheue ihn. Wenn ich ihn ein paar Tage normal behandelte, musste ich ihn wie der entbehren las sen. Ich fühlte mich in meinem Körper gefangen – so lange ich ihn unter stren ger Kontrolle hatte, konnte er mich nicht betrü gen. “ (Kaplan 1988) Körper als “Kerker der Seele” (Platon, Gorgias)

(5) Zwangsstörung: Buridan‘s Esel Verselbständigung der bewussten Kontrolle, Hemmung der primären Leiblichkeit Mögliche Folge:

(5) Zwangsstörung: Buridan‘s Esel Verselbständigung der bewussten Kontrolle, Hemmung der primären Leiblichkeit Mögliche Folge: Entscheidungsangst, „Steckenbleiben“ der Lebensbewegung Fallbeispiel: Ein 33 jähriger Student der Zahnmedizin sucht psychothera peutische Hilfe, da seine Abschlussprüfungen bevorstehen und er nicht mehr in der Lage ist, sich konzentriert vorzubereiten. Im Gespräch wird deutlich, dass er schon seit Jahren unter einer Zwangssymptomatik leidet, die von ständigem Grübeln über Zwangsgedanken bis zu Kontrollzwängen reicht.

(5) Zwangsstörung: Buridan‘s Esel Immer wieder müsse er durchdenken, ob er in den vergan

(5) Zwangsstörung: Buridan‘s Esel Immer wieder müsse er durchdenken, ob er in den vergan genen Tagen die richtigen Entscheidungen getroffen habe, meist bereue er seine Entschlüsse und mache sich Vorwürfe. Jede Entscheidung würde er am liebsten wieder rückgängig machen, auch wenn sie sich gar nicht unbedingt als falsch oder schädlich herausstelle. Das mache ihm inzwischen schon Einkäufe zur Qual, denn im Geschäft schwanke er manchmal über eine Stunde zwischen den verschiedenen Angeboten hin und her, und wenn er dann zugreife, grübele er noch tagelang darüber nach, ob er nicht doch besser den anderen Artikel gekauft hätte.

(6) Zwangsstörung: Buridan‘s Esel „Immer denke ich, auf dem falschen Gleis zu sein, und

(6) Zwangsstörung: Buridan‘s Esel „Immer denke ich, auf dem falschen Gleis zu sein, und möchte wieder zu den Weichen zurück … ich kann nicht akzeptieren, dass seither schon wieder Zeit vergangen ist, und gerate darüber regelrecht in Verzweiflung. “ In letzter Zeit habe ihn zunehmend Panik ergriffen, denn mit dem Abschluss des Studiums stünden nur noch schwierigere Entscheidungen bevor. Nicht bestimmte Entscheidungen, sondern dass überhaupt eine Möglichkeit unwiderruflich Wirklichkeit werden muss, lässt den Patienten verzweifeln.

(6) Schizophrenie Verlust der grundlegenden Vertrautheit mit der Welt „Entkörpertes Selbst“ (disembodiment) Auflösung von

(6) Schizophrenie Verlust der grundlegenden Vertrautheit mit der Welt „Entkörpertes Selbst“ (disembodiment) Auflösung von Gewohnheiten und Handlungsabläufen Pathologische Explikation

 Schizophrenie „Wenn ich etwas tun will wie etwa Wasser trinken, dann muss ich

Schizophrenie „Wenn ich etwas tun will wie etwa Wasser trinken, dann muss ich das im Detail durchgehen – einen Becher finden, hinübergehen, den Hahn aufdrehen, den Becher auffüllen, trinken. “ (Chapman 1966) „Zeitweise konnte ich nichts tun, ohne darüber nach zudenken. Ich konnte keinen Handgriff mehr machen, ohne dass ich denken musste, wie ich das mache. (. . . ) Manchmal dachte ich auch über Worte nach, warum jetzt ‚Stuhl’ heißt zum Beispiel, oder solche Dinge. “ (de Haan u. Fuchs 2009)

 Schizophrenie „Er kann nicht mehr lesen, denn er wird von einem Wort oder

Schizophrenie „Er kann nicht mehr lesen, denn er wird von einem Wort oder einem Buchstaben festgehalten und kann nicht auf den Sinn des Satzes achten. Er prüft ob alle ‘i’s einen Punkt haben, ob die Akzente richtig stehen, ob alle Buchstaben die richtige Form haben. ” (Minkowski 1927)

 Schizophrenie „Ich bin wie ein Roboter, den jemand anderes bedie nen kann, aber

Schizophrenie „Ich bin wie ein Roboter, den jemand anderes bedie nen kann, aber nicht ich selbst. Ich weiß, was zu tun ist, kann es aber nicht tun. “ (Mc. Ghie u. Chapman 1961)

 Schizophrenie Ein 32 jähriger Patient berichtet, er sei im Alter von etwa 16

Schizophrenie Ein 32 jähriger Patient berichtet, er sei im Alter von etwa 16 Jahren zunehmend unsicher geworden, ob seine persön lichen Dinge wirklich noch die eigenen oder insgeheim von anderen ausgetauscht worden seien. Wenn er sich z. B. Bücher kaufte, war er nicht mehr sicher, ob der Verkäufer sie nicht heimlich durch andere ersetzt hatte; so musste er sie weggeben und wieder neue kaufen. Wenn er Dinge auf seinem Schreibtisch liegen ließ, bekam er später Zweifel, ob sie nicht inzwischen ausgetauscht worden waren, und warf sie weg. Zusehends sei das Vertrauen in seine Umgebung verloren gegangen.

 Schizophrenie … Während des Studiums, mit 21 Jahren, konnte er seinen eigenen Aufzeichnungen

Schizophrenie … Während des Studiums, mit 21 Jahren, konnte er seinen eigenen Aufzeichnungen aus der Vorlesung nicht mehr trauen. Schließlich begann er auch zu zweifeln, ob seine eigenen Arme oder die von jemand anderem die Arbeit machten, mit der er gerade beschäftigt war. Er musste seine Arme sorgfältig von den Händen bis zum Körper verfolgen, um sicherzugehen, dass er selbst das sei, und habe immer wieder hinter sich gesehen, ob da nicht jemand anderes stand, der sie bewegte.

 Schizophrenie … Nun begann er die einfachsten Handlungen anzuzweifeln. Er brauchte endlos zum

Schizophrenie … Nun begann er die einfachsten Handlungen anzuzweifeln. Er brauchte endlos zum Anziehen, da er die Kleider mehrmals berühren und seine Bewegungen ständig bewusst wiederholen musste. Er wusste nicht mehr, ob er die Hosen richtig hielt, und in welcher Reihenfolge er die Kleider anziehen sollte. Jeder Handgriff sei nun zu einer Mathematikaufgabe geworden, über die er mit größter Konzentration habe nachgrübeln müssen. So blieb er in den alltäglichsten Abläufen stecken und fühlte sich zusehends verzweifelt.

 Verlust des Lebens und Selbstgefühls „Sobald ihm ein Gedanke durch den Kopf ging,

Verlust des Lebens und Selbstgefühls „Sobald ihm ein Gedanke durch den Kopf ging, musste er seine Aufmerksamkeit zurück richten, um genau zu wissen, was er gedacht hatte. Er hatte Angst davor, er könnte für einen Moment zu denken aufhören, es könnte vielleicht einmal vorgekommen sein, dass „meine Vorstellung stillstand“. Eines Nachts wachte er auf und fragte sich: „Denke ich eigentlich gerade? Da es nichts gibt, das beweist, dass ich denke, kann ich nicht wissen, ob ich existiere. “ (Hesnard 1904)

 Schizophrenie „Ich merke wie meine Augen die Dinge sehen. “ (Stanghellini 2004) „Es

Schizophrenie „Ich merke wie meine Augen die Dinge sehen. “ (Stanghellini 2004) „Es war, wie wenn meine Augen Kameras wären, und mein Gehirn war zwar immer noch in meinem Körper, aber irgendwie als wäre mein Kopf riesengroß, so groß wie das Universum, und ich war ganz hinten und die Kameras vorne. So extrem weit weg von den Kameras. “ (de Haan u. Fuchs 2009)

 Schizophrenie „Ich konnte nicht mehr denken, wie ich wollte. . . Es war,

Schizophrenie „Ich konnte nicht mehr denken, wie ich wollte. . . Es war, wie wenn einer gar nicht mehr selber denkt, an seinem eigenen Denken gehindert wird. Als wenn die Ideen von außen kämen. . . Ich fing an zu überlegen, bin ich das noch oder bin ich eine ausgetauschte Person“. (Klosterkötter 1992)

 Schizophrenie: Zusammenfassung „Entkörperung“ (disembodiment) Pathologische Explikation Hyperreflexivität Entfremdung und Verdinglichung von Wahrnehmungen, Bewegungen,

Schizophrenie: Zusammenfassung „Entkörperung“ (disembodiment) Pathologische Explikation Hyperreflexivität Entfremdung und Verdinglichung von Wahrnehmungen, Bewegungen, Gedanken

 Resümee • Hyperreflexivität • Pathologische Explikation • Wechselseitige Verstärkung Grundlage: Reflexives Selbstverhältnis, „exzentrische

Resümee • Hyperreflexivität • Pathologische Explikation • Wechselseitige Verstärkung Grundlage: Reflexives Selbstverhältnis, „exzentrische Position“ des Menschen (H. Plessner) „Der Mensch ist sein Leib und zugleich steht er in der Reflexion seinem Leibe auch gegenüber. “ Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie

 Ausblick: Therapie Leiborientierte und kreative Therapien Reflexion und Einsicht Achtsamkeit

Ausblick: Therapie Leiborientierte und kreative Therapien Reflexion und Einsicht Achtsamkeit

Depression, Leiblichkeit, Zwischenleiblichkeit

Depression, Leiblichkeit, Zwischenleiblichkeit

Kasuistik ”Seit ich krank geworden bin, lebe ich unter einem ungeheuren Druck, einer riesigen

Kasuistik ”Seit ich krank geworden bin, lebe ich unter einem ungeheuren Druck, einer riesigen Last, die mich zusammenpresst, der ich nichts entgegensetzen kann. Nicht nur die Willenskraft und Selbstdisziplin, auch andere Worte haben ihren Sinn für mich verloren. Eigentlich alle Worte, die das im Menschen bezeichnen, was ihn zum Menschen macht: Liebe, Gefühl, Einsicht, Vernunft. . . Die tägliche Arbeit steht wie ein unüber windlicher Berg vor mir. “

Kasuistik ”An manchen Tagen geh ich nicht mehr ins Büro. Selbst die Hausarbeit geht

Kasuistik ”An manchen Tagen geh ich nicht mehr ins Büro. Selbst die Hausarbeit geht nicht mehr, die banalen Kleinigkeiten für das Kochen einer Mahlzeit wollen mir nicht mehr einfallen. Dann liege ich im abgedunkelten Zimmer in einer Ecke und brüte über mein Leben, während die Zeit qualvoll langsam verrinnt. Wieviel habe ich schon versäumt, wieviel bin ich den anderen schuldig geblieben? Und mit jedem Augenblick sammelt sich neues Versäumnis an. “

Kasuistik „Aber auch aus dem Fenster sehen und den Möwen zusehen bereitet mir Qualen.

Kasuistik „Aber auch aus dem Fenster sehen und den Möwen zusehen bereitet mir Qualen. Man ist getrennt von der Umwelt wie durch eine Glasscheibe, wie wenn ich nicht mehr von dieser Welt wäre. Manchmal habe ich das Gefühl, als stürze alles in mir drinnen zusammen, und ich bekomme eine entsetzliche Angst. Dann wieder ist es ganz tot in mir, ich kann mich nicht freuen, nicht traurig sein. Dann kann mir auch der eigene Körper ganz fremd werden, ich spüre nichts mehr und habe Angst, mir auch nur die Hände zu waschen. Ich weiß nicht mehr, wie das noch weitergehen soll, ich habe schon oft gedacht, es wäre besser, mir das Leben zu nehmen. ”

Leib und Depression (a) Leib und leiblicher Raum Leibliche Konstriktion, Oppression, Angst Antriebsverlust, fehlende

Leib und Depression (a) Leib und leiblicher Raum Leibliche Konstriktion, Oppression, Angst Antriebsverlust, fehlende expansive Richtungen „Korporifizierung“ des Leibes Erschwerter Austausch von Leibraum und Umraum

Leib und Depression (b) Sensomotorischer Raum Wahrnehmung: Verlust des sympathetischen Empfindens Psychomotorische Hemmung Verlust

Leib und Depression (b) Sensomotorischer Raum Wahrnehmung: Verlust des sympathetischen Empfindens Psychomotorische Hemmung Verlust des leiblichen Möglichkeitsraums (leibliche Protentionen), des leiblichen Sich vorweg Seins Dinge sind nur noch „vorhanden“, nicht „zuhanden“

Depressive Hemmung Ambivalenz „Ich sage mir: Du musst etwas tun; aber während ich es

Depressive Hemmung Ambivalenz „Ich sage mir: Du musst etwas tun; aber während ich es sage, setze ich mich trotzdem auf den nächsten Stuhl und starre vor mich hin. Sowie ich allein war, machte ich es so, und dabei spürte ich, wie dies Hin und Her zwischen Wollen und Nicht Wollen an meinen Nerven riss. “ (Tellenbach 1983) Ohnmacht des Willens als Quelle von Schuldgefühlen

 Affektiver Raum oder Stimmungsraum Atmosphären, Stimmungen und Gefühle stellen übergreifende Erlebnisformen dar, in

Affektiver Raum oder Stimmungsraum Atmosphären, Stimmungen und Gefühle stellen übergreifende Erlebnisformen dar, in denen affektive Qualitäten einer jeweiligen Situation in leiblicher Resonanz erfahren werden. Leib als „Resonanzkörper“ des affektiven Raums

Embodiment Forschung • eingesunkene (vs. aufrechte) Position → mehr negative Erinnerungen (Riskind 1984)

Embodiment Forschung • eingesunkene (vs. aufrechte) Position → mehr negative Erinnerungen (Riskind 1984)

Embodiment Forschung: Charlie Brown

Embodiment Forschung: Charlie Brown

 Phänomenologie der Stimmungen sind globale, elementar bewertende (z. B. angenehme oder unangenehme) affektive

Phänomenologie der Stimmungen sind globale, elementar bewertende (z. B. angenehme oder unangenehme) affektive Zustände, die das Erleben von Selbst und Welt in bestimmter Weise tönen und entsprechende Ver haltensweisen nahelegen. Heiterkeit, Schwermut, Missmut (Dysphorie), Langeweils Sehnsucht, Wehmut

 Phänomenologie der Stimmungen „Das Gestimmtsein bezieht sich nicht zunächst auf Seelisches, ist selber

Phänomenologie der Stimmungen „Das Gestimmtsein bezieht sich nicht zunächst auf Seelisches, ist selber kein Zustand drinnen, der auf rätselhafte Weise hinausgelangt und auf die Dinge und Personen abfärbt … sondern steigt als Weise des In der Welt Seins aus diesem selbst auf. “ „Die Stimmung hat je schon das In der Welt Sein als Ganzes erschlossen und macht ein Sichrichten auf … allererst möglich. “ (Heidegger 1927)

 Klassifikation der Stimmungen gehoben gedrückt Lust Unlust Aktivierung Desaktivierung

Klassifikation der Stimmungen gehoben gedrückt Lust Unlust Aktivierung Desaktivierung

cholerisch Agitiertheit sanguinisch Ausgelassenheit Verzweiflung Euphorie Ängstlichkeit Anspannung Gereiztheit Aktivierung Lustigkeit Leichtigkeit Heiterkeit Missmut

cholerisch Agitiertheit sanguinisch Ausgelassenheit Verzweiflung Euphorie Ängstlichkeit Anspannung Gereiztheit Aktivierung Lustigkeit Leichtigkeit Heiterkeit Missmut Seligkeit Unlust Unglück Lust Glück Traurigkeit Wehmut Schwere Schwermut Desaktivierung Entspannung Gelassenheit Gleichmut Niedergeschlagenheit melancholisch Zufriedenheit Langeweile Lethargie Nachdenklichkeit Phlegmatisch

Depression als “Verstimmung” Verlust der sympathetischen Partizipation Resonanzstörung „Gefühl der Gefühllosigkeit“ Schwermut Unterschied zur

Depression als “Verstimmung” Verlust der sympathetischen Partizipation Resonanzstörung „Gefühl der Gefühllosigkeit“ Schwermut Unterschied zur Trauer Verlust der zwischenleiblichen Resonanz

Depression als “Verstimmung” „Man ist oder fühlt sich wie einzelner kleiner Stein verloren in

Depression als “Verstimmung” „Man ist oder fühlt sich wie einzelner kleiner Stein verloren in endloses Grau zerfließender Landschaft. . . Wird man gesund, so bleibt aus diesem Erlebnis des Isoliertseins das Bewusstsein, wie wenig wir aus uns selbst zu leben vermögen, wie sehr wir auf Zusammenhänge angewiesen sind. . . Das Gefühl der Kleinheit, Unsicherheit und Verlorenheit kann so groß werden, dass man etwas wie ein Weltraumgefühl hat, in dem man selbst ein preisgegebener Punkt ist“. (Tellenbach 1956)

Depression als Entfremdung Derealisation / Depersonalisation Entfremdungsdepression Melancholischer Wahn a) Schuldwahn Verworfensein, Ausgestoßensein Verlust

Depression als Entfremdung Derealisation / Depersonalisation Entfremdungsdepression Melancholischer Wahn a) Schuldwahn Verworfensein, Ausgestoßensein Verlust der Selbstdistanzierungsfähigkeit b) Nihilistischer Wahn

Nihilistischer Wahn „Jemand, der meiner Frau glich, ging neben mir, und meine Freunde besuchten

Nihilistischer Wahn „Jemand, der meiner Frau glich, ging neben mir, und meine Freunde besuchten mich. . Alles ist genauso, wie es sein würde, wenn es normal wäre. Die Gestalt, die meine Frau darstellte, erinnerte mich ständig daran, wie ich ihr gegenüber versagt, sie lächerlich gemacht. . . und ihr vergällt hatte, was ihr Freude machte. Was wie das normale Leben aus sieht, das ist es nicht. Ich befand mich auf der anderen Seite. “ (Kuiper 1991)

Nihilistischer Wahn „Und nun wurde mir auch klar, wie das mit der Todes ursache

Nihilistischer Wahn „Und nun wurde mir auch klar, wie das mit der Todes ursache gewesen war und wie sich das Begräbnis abgespielt hatte. Ich war gestorben, aber Gott hatte dieses Geschehen meinem Bewusstsein entzogen, so dass ich nicht wusste, wie ich diese Grenze überschritten hatte. Eine härtere Strafe kann man sich kaum vor stellen. Ohne zu wissen, dass man gestorben ist, befindet man sich in einer Hölle, die bis in alle Einzelheiten der Welt gleicht, in der man gelebt hat, und so lässt Gott einen sehen und fühlen, dass man nichts aus seinem Leben gemacht hat. “ (Kuiper 1991)

Zusammenfassung: Depression als (zwischen )leibliche Erkrankung

Zusammenfassung: Depression als (zwischen )leibliche Erkrankung

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und schöne Semesterferien!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und schöne Semesterferien!