Grundkurs Linguistik Wintersemester 201819 Syntax Robin Mllemann Was
Grundkurs Linguistik Wintersemester 2018/19 Syntax Robin Möllemann
Was ist Syntax? Teilbereich der Grammatik natürlicher Sprachen (Satzlehre). System von Regeln, um aus einem begrenzten Inventar von Grundelementen (Morpheme, Wörter, Phrasen), eine unbegrenzte Zahl grammatisch wohlgeformter Sätze zu bilden. Die Grenzen zu anderen Beschreibungsebenen (insbesondere Morphologie und Semantik) sind fließend, eine Präzisierung dieser ist somit theorieabhängig.
Von der Morphologie zur Syntax • Morpheme Er kommt, um den Block zu be- arbeit -en
Von der Morphologie zur Syntax • Morpheme sind das Baumaterial für • Wörter Er kommt, um den Block zu bearbeiten
Von der Morphologie zur Syntax • Wörter sind das Baumaterial für • Phrasen Er kommt, um den Block zu bearbeiten
Von der Morphologie zur Syntax • Phrasen sind das Baumaterial für • Teilsätze Er kommt, um den Block zu bearbeiten
Von der Morphologie zur Syntax • Teilsätze sind das Baumaterial für • Sätze Er kommt, um den Block zu bearbeiten
Von der Morphologie zur Syntax • Morpheme sind das Baumaterial für • Wörter sind das Baumaterial für • Phrasen sind das Baumaterial für • Teilsätze sind das Baumaterial für • Sätze
Was ist ein Satz? Deutsch: Ein Satz besteht mindestens aus einem Subjekt und einem Prädikat. (1) Ich lache. (2) Es regnet. (3) Rheinbrecht schenkte Waldegretha zwei Bücher. (4) Es scheint, dass Griemfriede lacht. Sogar, wenn wie in (2) keine eigentliche Entität vorliegt, die eine Handlung vollzieht, muss im Deutschen ein Subjekt verwendet werden.
Sätze ohne Subjekt Es gibt ebenfalls Null-Subjekt-Sprachen (Pro-Drop), die bekannte Entitäten nicht kodieren müssen. Spanisch (Indoeuropäisch, Romanisch): (5) Llueve. regnet ‚Es regnet‘ (6) Parece que Juan está aqui. ‚Es scheint, dass Juan hier ist. ‘ scheint dass Juan ist hier
Sätze ohne Subjekt Es gibt ebenfalls Null-Subjekt-Sprachen (Pro-Drop), die bekannte Entitäten nicht kodieren müssen. Tagalog (Austronesisch, Zentralphilipinisch): (7) Umulan. ‚Es regnet. ‘ regnen (8) Parang siya ay Americano. ‚Es scheint, dass er Amerikaner ist. ‘ scheinbar er Topik Amerikaner
Ursprung grammatischen Wissens Woher wissen Muttersprachler des Deutschen, dass “semantisch leere” Subjekte trotzdem realisiert werden müssen? Woher wissen Muttersprachler des Spanischen, dass “semantisch leere” bzw. bereits bekannte Entitäten nicht realisiert werden müssen? Urteilsvermögen über die Grammatikalität von Konstruktionen muss im Laufe des Spracherwerbs stattfinden.
Ursprung grammatischen Wissens Spracherwerbsstudien zeigen: Kinder lernen ihre Sprache - unbewusst, ohne expliziten Unterricht - auf der Basis positiver Evidenz (d. h. auf der Basis dessen, was sie hören) - nicht auf der Basis negativer Evidenz (Korrekturen, Evidenz für Ungrammatikalität)
Ursprung grammatischen Wissens Child: Nobody don‘t like me. Mother: No, say ‚nobody likes me. ‘ Child: Nobody don‘t like me. (eight repetitions of this dialogue) Mother: No! Now listen carefully: say: nobody likes me‘! Child: Oh! Nobody don‘t likes me. (Mc. Neill, 1966, 69)
Platons Problem Das logische Problem des Spracherwerbs: Kinder können in sehr kurzer Zeit alleine auf der Basis von positiver Evidenz kompliziertes sprachliches Wissen erwerben, haben aber häufig fehlerhaften, unvollständigen Input (Poverty of the Stimulus) Folgerung (Chomsky): Positive Evidenz alleine erklärt den schnellen Erwerb hochkomplexer Strukturen nicht; Kinder müssen angeborenes sprachliches Wissen (linguistische Kompetenz) mitbringen
Die Antwort generativer Syntaktiker: Universalgrammatik (UG) Linguistische Kompetenz wird als genetisch verankertes Modul und als nicht sprachspezifisch angesehen; UG steht allen Sprechenden, also für alle Sprachen, zur Verfügung und muss abstrakt genug sein, um allen Sprachtypen gerecht zu werden. Das ultimative Ziel von Syntaktikern, diese Position vertreten, ist die Charakterisierung dieser Universalgrammatik und die Erklärung von Spracherwerb.
UG & LAD Ursprungsidee: Alle Sprachen folgen denselben Prinzipien und das Wissen hierüber ist angeboren. Stärkere Variante: Allen Sprachen liegt dasselbe grammatische System zugrunde. In dieser Sicht ermöglicht der language acquisition device (LAD: Spracherwerbsmechanismus) Kindern anhand des ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Materials Hypothesen über mögliche Grammatiken zu entwerfen und diese zu evaluieren. Sie müssen nicht mehr die Prinzipien von Sprache selbst erwerben, sondern nur noch sprachspezifische Parameter erlernen. -> Aufgabe der Grammatiker: Suche nach universalen Prinzipien und sprachspezifischen Parametern.
Kompetenz und Performanz Kompetenz ist unsere Fähigkeit Sprache (anhand der UG) zu produzieren. Performanz ist unsere tatsächliche (fehlerbehaftete) Sprachproduktion.
Kompetenz und Performanz Wenn wir Sprecher den ganzen Tag aufnehmen, können wir auf dieser Datenbasis eine Grammatik schreiben, also eine Zusammenfassung Ihres sprachlichen Wissens? Positive Evidenz Anders formuliert: Kann man allein auf der Basis von Performanz Rückschlüsse auf die sprachliche Kompetenz ziehen? Jein. In der tagtäglichen gesprochenen Sprache kommt es immer auch zu sprachlichen Fehlleistungen. Methoden: Elizitation, Akzeptabilitätsurteile, gewählte Corpora. Negative Evidenz ist ebenfalls für Grammatikschreibung wichtig.
Regelfindung: Beispiel Fragesätze Wie erlernen Kinder sprachliche Parameter? Welche Regeln induzieren sie während des Spracherwerbs? Beispiel: Bildung eines Interrogativsatzes (9) Deklarativsatz: (10) Interrogativsatz: He has built a bridge in Texas. Has he built a bridge in Texas? Regel (Versuch 1): Setze das zweite Wort an den Satzanfang!
Wie formen wir Fragen? Versuch 1 Regel (Versuch 1): Setze das zweite Wort an den Satzanfang! (11) Deklarativsatz: The big and ugly cat is here. (12) Interrogativsatz: *Big the and ugly cat is here? Versuch 1 führt zu einem ungrammatischen Satz. Die Regel muss also modifiziert werden. Regel (Versuch 2): Setze das Auxiliar an den Satzanfang!
Wie formen wir Fragen? Versuch 2 Regel (Versuch 2): Setze das Auxiliar an den Satzanfang! (13) Deklarativsatz: (14 a) Interrogativsatz: (14 b) Interrogativsatz: John should have left. Should John have left? *Have John should left? Versuch 2 kann zu einem grammatisch wohlgeformten Satz führen (14 a), muss dies aber nicht (14 b). Die Regel ist also zu unspezifisch. Regel (Versuch 3): Setze das erste Auxiliar an den Satzanfang!
Wie formen wir Fragen? Versuch 3 Regel (Versuch 3): Setze das erste Aux. an den Satzanfang! (15) The girl who has given the speech will be adored. (16) *Has the girl who given the speech will be adored? Versuch 3 führt ebenfalls zu einem grammatisch nicht wohlgeformten Satz. Desgleichen wird keine andere strukturunabhängige Regel eine in jedem Kontext korrekte Voraussage treffen.
Frageregel: Versuch 4 Es gibt keine Sprache, in der eine der strukturunabhängigen Regeln 1 -3 hinsichtlich Fragen gilt. Stattdessen wird eine strukturabhängige Regel benötigt, um die Formung eines Fragesatzes hinreichend zu klären. (15) The girl who has given the speech will be adored. (17) Will the girl who has given the speech be adored? Regel (4): Setze das erste Auxiliar in der Prädikatsphrase an den Anfang des Satzes
Strukturabhängigkeit Kinder im Spracherwerb scheinen ebenfalls keine strukturunabhängigen Regeln zu induzieren. Stattdessen scheinen sie “schwierigere”, strukturabhängige Voraussagen zu treffen. � Es gibt universelle Prinzipien (Universalgrammatik), die unter Anderem das Bilden strukturunabhängiger Regeln nicht zulassen. � Kindern ist die Universalgrammatik angeboren und sie müssen nicht die Prinzipien von Sprache erwerben, sondern nur sprachspezifische Parameter (z. B. Subjekt- vs. Pro-Drop Sprachen).
Phrasen sind eine Kette zusammengehöriger Wörter. Nominalphrasen: He The big and ugly cat John The girl who has given the speech Rheinbrecht Verbalphrasen: has build [a bridge] is here should have left will be adored schenkte [W. ] [zwei Bücher] Adjektivphrasen: nice and warm Adpositionalphrasen: in [Texas]
Kopf und Dependenten (NP) SUBJEKTPHRASE: the little girl (who has given a speech) Das Nomen girl ist zentrales Element und somit der Kopf der Phrase. Es kann nicht weggelassen werden. (18) *The little ____ (who has given a speech) is happy. Das Adjektiv little und der Relativsatz modifizieren den Referenten des Kopfes. Beide sind optional. Keines von beiden kann ohne ein Kopfnomen auftreten. Sie sind von diesem abhängig, seine Dependenten.
Kopf und Dependenten (VP) PRÄDIKATSPHRASE: will be adored (by every little boy). Das Verb adored ist zentrales Element und somit der Kopf der Phrase. Es kann nicht weggelassen werden. (19) *will be ____ (by every little boy). Die Auxiliare modifizieren das Verb. Die Präpositionalphrase (by…) kodiert ein optionales Argument des Verbs. Keines von beiden kann ohne ein Kopfverb auftreten. Sie sind von diesem abhängig, seine Dependenten.
Dependenten Das Nomen (Kopf der NP) schreibt Adjektiven (Dependenten der NP) Kasus, Numerus und Genus vor. (20) Ein großes Tier (21) Ein großer Hund Das Verb (Kopf der VP) schreibt seinen Objektargumenten (Dependenten der VP) den Kasus vor. (22) (23) (24) Ich sehe Dich (Akkusativobjekt) Ich helfe Dir (Dativobjekt) Ich harre Deiner (Genitivobjekt)
Parameter: Köpfigkeit (headedness) Ein weiterer Parameter, in dem Sprachen sich unterscheiden können, ist die Köpfigkeit von Konstituenten. Wenn der Kopf der Konstituente vor dem Dependenten steht ist die Konstituente linksköpfig und im umgekehrten Fall ist sie rechtsköpfig. Spanisch: (25) El perro grande DET Hund groß Deutsch: (26) Der große Hund linksköpfig rechtsköpfig
Zwei Bereiche der Syntax (vgl. Van Valin 2007) Hierarchische Syntax: Verbindung von einfachen Satzteilen/Konstituenten (z. B. Wörter) zu größeren Konstituenten. Dieser Aspekt der Syntax nennt sich Konstituentenstruktur. Relationale Syntax: Grammatische Funktionen von Satzeinheiten, z. B. Subjekt, direktes Objekt, indirektes Objekt, Attribut, Adverbial.
Das Verhältnis von relationaler und hierarchischer Syntax? In Sprachen wie Englisch kann das ‘Subjekt’ hierarchisch definiert werden: Das Subjekt ist die NP, die unmittelbar vom S(atz)Knoten dominiert wird. Satzadverbiale sind Teil der VP, werden also vom VPKnoten dominiert.
Parameter der Argumentkodierung Wie werden grammatische Relationen wie Subjekt und Objekt in den Sprachen der Welt kodiert? Englisch a. I heard Mary‘s voice. Wortstellung Deutsch b. Den Bären hör -e ich. Kasus & Det. AKK bear-AKK hear-Pres. 1 s 1 s. NOM Subjektkongruenz Lakhota (Siou-Sprache, Van Valin 2001: 98) Subjekt- & c. (Miyé) mathó ki hená na>wíčha-wa<xʔų. Objektkongruenz (1 sg) Bär der diese hör>3 plobj-1 sgsubj<hör ‚Ich hörte diese Bären. ‘
Hierarchische Syntax: Konstituentenstruktur Sätze sind keine einfache Aneinanderreihung von Wörtern, sondern eine hierarchische Verschachtelung von Phrasen. Wir sprechen auch von Konstituenten. (27) [ [ Die [ tapfere ] Prinzessin ] [ rettet [ den [ nutzlosen ] Ritter ] ] ] Konstituenten können nicht getrennt werden, ohne einen Satz entweder ungrammatisch zu machen oder seine Bedeutung zu verändern.
Tests für Konstituentenstruktur: Permutationstest (Verschiebeprobe) (28) Das Kind, das schielt, spielt unter dem Tisch. a. [Unter [ dem Tisch ] ] [spielt] [das Kind, das schielt]. b. [Spielt] [das Kind, das schielt] [unter [dem Tisch] ]? c. *Das schielt [spielt] [das Kind] [unter [dem Tisch] ]. d. *[Spielt [unter] ] [ das Kind, das schielt ] [dem Tisch].
Tests für Konstituentenstruktur: Substitutionstest (Ersetzungsprobe) (28) Das Kind, das schielt, spielt unter dem Tisch. a. [Es] [ spielt ] [unter [ihm] ]. b. [Es] [ spielt ] [dort]. c. *[Das Pflomp] [spielt] [kropp [Tisch] ].
Tests für Konstituentenstruktur: Koordinationstest (28) Das Kind, das schielt, spielt unter dem Tisch. a. [Unter [ dem Tisch ] und [ der Decke ] ] [spielt]. . . b. [Unter [dem Tisch]] und [zwischen [den Stühlen]]. . . c. [Das Kind, [das schielt]] und [der Hund, [der bellt]]. . . d. *[Das Kind, [das schielt]] und [in [dem Haus]] [spielt]. . .
Konstituentenstruktur im Baum S NP Es Das Kind VP spielt sehr schön. S NP VP Det N V AP Das Kind spielt sehr schön.
Darstellung syntaktisch ambiger Sätze Die hierarchische Darstellung Konstruktionen ermöglicht das mehrdeutiger Aussagen syntaktischer Unterscheiden Beispiel: (29) Die Prinzessin rettete den Ritter mit dem Schwert Entweder nutzt die Prinzessin das Schwert um den Ritter zu retten oder gerettete Ritter ist Besitzer des Schwertes
Lesart 1 S NP DET VP N V PP NP DET N Die Prinzessin rettete den Ritter P NP DET N mit dem Schwert
Lesart 2 S NP DET VP N V NP DET N PP Die Prinzessin rettete den Ritter mit dem Schwert
Coming Next: Semantik und Pragmatik beide befassen sich mit BEDEUTUNG von Sprache Semantik befasst sich mit der Bedeutung von sprachlichen Zeichen losgelöst von jedem konkreten Äußerungskontext. Pragmatik befasst sich mit der Bedeutung von Sprache im Kontext sowie mit Gesetzmäßigkeiten der Kommunikation. 42
Hausaufgabe Lesen Sie Kapitel 1 aus Syntactic Theory (2 nd edition, 2011) von Geoffrey Poole Bitte erläutern Sie kurz, was laut Poole (2011) die Grundannahmen von Syntaktikern sind, wie diese begründet werden und welche Ziele syntaktische Forschung verfolgt. Gehen Sie in Ihrer Ausführung darauf ein, was sich hinter den Begriffen 'Universal Grammar', 'Prinzipien und Parameter', 'strukturabhängige Regeln', 'empirische und konzeptuelle Argumente' verbirgt und wie diese Begrifflichkeiten zusammenhängen. (ca. 400 Wörter)
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