Gewalt gegen Frauen und Mdchen auf der Flucht

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Gewalt gegen Frauen und Mädchen auf der Flucht Mag. a Sabine Mandl

Gewalt gegen Frauen und Mädchen auf der Flucht Mag. a Sabine Mandl

„Ich bin in Finnland angekommen mit meinem Mann als Flüchtling. Ich habe gleich gesagt,

„Ich bin in Finnland angekommen mit meinem Mann als Flüchtling. Ich habe gleich gesagt, ich möchte einen eigenen Asylantrag stellen. Wegen seiner politischen Tätigkeit wurde ich mehrmals in meinem Land vergewaltigt und ich möchte nicht, dass er das weiß. Ich wurde mit ihm zwangsverheiratet und habe alle Formen von Gewalt erlebt, zu Hause, aber auch hier im Aufnahmezentrum. Ich möchte mich scheiden lassen und brauche Unterstützung. “ (Zitat von Sania aus: Bericht der European Women‘s Lobby und Women‘s Refugee Commission über die Situation über Flüchtlingsfrauen und –mädchen, Juni 2016)

Frauenrechtliche Standards • UN-Frauenrechtskonvention 1979 (Ö 1982) • Allgemeine Empfehlung Nr. 19 zu Gewalt

Frauenrechtliche Standards • UN-Frauenrechtskonvention 1979 (Ö 1982) • Allgemeine Empfehlung Nr. 19 zu Gewalt (1992) • Europaratskonvention gegen Gewalt an Frauen, Art. 59 -61, 2011 (Ö 2013) • Allgemeine Empfehlung Nr. 32 zu geschlechtsspezifischen Dimensionen von Flüchtlingsstatus, Asyl, Nationalität und Staatenlosigkeit (2014)

Geschlechtsspezifische Fluchtgründe Afghanistan • Schädliche traditionelle Praktiken • Diskriminierung und Gewalt bei Verstoß gegen

Geschlechtsspezifische Fluchtgründe Afghanistan • Schädliche traditionelle Praktiken • Diskriminierung und Gewalt bei Verstoß gegen „gesellschaftliche Sitten“ • Kaum Zugang zur Rechtsstaatlichkeit Syrien • Gefangennahmen, Geiselnahmen • Geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt • Anstieg weiblicher Haushaltsvorstände • Zunahme an Früh- und Kinderheirat

Geschlechtsspezifische Fluchtgründe Somalia, Nigeria • • • Geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt Zwangsheirat, Früh- und

Geschlechtsspezifische Fluchtgründe Somalia, Nigeria • • • Geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt Zwangsheirat, Früh- und Kinderheirat Weibliche Genitalverstümmelung Gewalt im Namen der Ehre Frauenhandel

Gefahren auf der Flucht Welche Frauen und Mädchen sind besonders gefährdet? • Allein reisende

Gefahren auf der Flucht Welche Frauen und Mädchen sind besonders gefährdet? • Allein reisende Frauen • Schwangere und stillende Frauen • Frauen mit Kindern • weibliche unbegleitete Minderjährige Risikofaktoren: • Ohne erwachsene männliche Bezugspersonen • Kinderbetreuungspflichten • Alter/Behinderung

Gewalterfahrungen und Barrieren hinsichtlich Unterstützung auf der Flucht Gewalterfahrungen: • Geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt

Gewalterfahrungen und Barrieren hinsichtlich Unterstützung auf der Flucht Gewalterfahrungen: • Geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt (z. B. durch kriminelle Schlepperorganisationen als Gegenleistung für Reisedokumente und Transport; Polizei, Sicherheitsmänner oder andere Flüchtlinge) • Menschenhandel und Ausbeutung Barrieren: • Kaum Identifizierung von Gewalt betroffener Frauen und Mädchen • Unzureichender Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit, inklusive der Möglichkeit eines sicheren Schwangerschaftsabbruches • kaum medizinische/therapeutische Unterstützung • oft fehlender Zugang zu Rechtsmitteln und psychosozialer • Unterstützung Vielen Frauen verschweigen die Gewaltvorfälle aus Scham und Angst vor Verzögerung der Reise

Situation in Österreich – Asylanträge von Frauen und Männern Männer: 22. 021 / Frauen:

Situation in Österreich – Asylanträge von Frauen und Männern Männer: 22. 021 / Frauen: 10. 100 / Gesamt: 32. 121

Herkunftsländer weiblicher Asylsuchender

Herkunftsländer weiblicher Asylsuchender

Alter weiblicher Asylsuchender

Alter weiblicher Asylsuchender

Asyl für Frauen und Mädchen

Asyl für Frauen und Mädchen

Gewalt und Risikofaktoren in den Flüchtlingsunterkünften in den Aufnahmeländern Es wird vermutet, dass Frauen

Gewalt und Risikofaktoren in den Flüchtlingsunterkünften in den Aufnahmeländern Es wird vermutet, dass Frauen und Mädchen massiv von Gewalt in Unterkünften betroffen sind. • Häufig überfüllte Wohneinheiten und kaum getrennte Räume für Frauen und Mädchen • Oft keine separaten Dusch- und Waschmöglichkeiten bzw. können diese oft nicht abgesperrt werden • Besonders gefährdet sind alleinstehende Frauen und minderjährige Mädchen, die oft gemeinsam mit Männern untergebracht sind • Lange Wartezeiten auf Asylbescheide und Perspektivenlosigkeit erhöht das Risiko häuslicher Gewalt • Gewaltrisiko: Lesbische, homosexuelle, bisexuelle, transgender und intersexuelle Asylsuchende und Flüchtlinge und jene mit Behinderungen und Beeinträchtigungen

Interview mit einer Leiterin eines Frauenhauses in Wien Flüchtlingsfrauen in Frauenhäuser: • Meistens kontaktieren

Interview mit einer Leiterin eines Frauenhauses in Wien Flüchtlingsfrauen in Frauenhäuser: • Meistens kontaktieren Mitarbeiter. Innen der Flüchtlingsunterkünfte Frauenhäuser bei wiederholten massiven Gewaltvorfällen. • Es gibt oft große Hürden hinsichtlich der Verständigung (zu wenig Geld für Dolmetscherinnen und diese sind für das Thema zu wenig sensibilisiert, etc. ) • Allgemein zu wenige medizinische/therapeutische und psychosoziale Angebote und kaum welche in den Landesprachen bzw. die kultursensibel wären. • Es wäre dringend notwendig eine Erstabklärung bei der Einreise zu machen, ob und in welchem Ausmaß sie von Gewalt betroffen bzw. traumatisiert sind.

Interview mit einer Leiterin eines Frauenhauses in Wien Flüchtlingsfrauen in Frauenhäuser: • Es macht

Interview mit einer Leiterin eines Frauenhauses in Wien Flüchtlingsfrauen in Frauenhäuser: • Es macht keinen Sinn, traumatisierte Frauen in Deutschkurse zu stecken, sie können nichts aufnehmen. • Meistens wollen Frauen bald wieder zu ihrem Mann/Partner zurück – haben in Österreich keine Familie oder ein soziales Netz; Community übt Druck aus. • Sie sind Behörden und Einrichtungen gegenüber skeptisch, haben Angst keinen positiven Asylbescheid zu bekommen und wollen ihren Männern nicht schaden. • Enge Kooperation und Abstimmung mit Flüchtlings-NGOs notwendig, funktioniert gut.

Empfehlungen: • Alternative, sichere Einreisemöglichkeiten, insb. Familienzusammenführung • Separate Unterbringungsmöglichkeiten in Erstaufnahmezentren und Flüchtlingsunterkünften

Empfehlungen: • Alternative, sichere Einreisemöglichkeiten, insb. Familienzusammenführung • Separate Unterbringungsmöglichkeiten in Erstaufnahmezentren und Flüchtlingsunterkünften für Frauen und Männer • Gewährleistung von abschließbaren Zimmern und Sanitäranlagen • Einrichtung von Frauenräumen innerhalb der Unterkünfte • Vertrauenspersonen in Einrichtungen (auch weibliche, die auf Gewalt spezialisiert sind) • Zugängliche Informationen für Bewohner. Innen im Fall von Gewalt, damit sie wissen, an wen sie sich wenden können (niederschwellige Broschüren in Landessprachen in Unterkünften auflegen)

Empfehlungen: • Sensibilisierung und Schulungen zu Gewalt für die Leitung und Mitarbeiter. Innen von

Empfehlungen: • Sensibilisierung und Schulungen zu Gewalt für die Leitung und Mitarbeiter. Innen von Einrichtungen (inklusive Polizei und Sicherheitskräfte) • Mindeststandards und Leitlinien bei Gewaltvorfällen für alle Einrichtungen (staatliche und privat geführte) • Engerer Austausch und Kooperation zwischen Gewaltschutzeinrichtungen und Einrichtungen aus dem Flüchtlingsbereich • Ausreichende spezialisierte medizinische und therapeutische Unterstützungsangebote

Exkurs: Frauenspezifische Verfolgungsgründe Seit ca. 15 Jahren finden frauenspezifische Verfolgungsgründe zunehmend auch in Österreich

Exkurs: Frauenspezifische Verfolgungsgründe Seit ca. 15 Jahren finden frauenspezifische Verfolgungsgründe zunehmend auch in Österreich Berücksichtigung - Durchbruch seit der Qualifikationsrichtlinie 2004/83/EG Nach der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ist ein Flüchtling: „eine Person, die sich aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung außerhalb des Landes befindet. “

Frauenspezifische Verfolgungsgründe Vier Gruppen von frauenspezifischen Verfolgungsgründen - keine rechtliche Bindung - hat sich

Frauenspezifische Verfolgungsgründe Vier Gruppen von frauenspezifischen Verfolgungsgründen - keine rechtliche Bindung - hat sich in der Praxis weitgehend durchgesetzt: • Sexuelle Gewalt (z. B. Zwangssterilisation, Zwangsprostitution) • Gewalt im sozialen Nahraum (z. B. häusliche Gewalt, Zwangsheirat, Gewalt im Namen der Ehre, FGM) • Verstöße gegen soziale und/oder kulturelle Wertvorstellungen (z. B. besonders schwere Bestrafung wie Auspeitschen oder Steinigen) • Fehlender Zugang zu grundlegenden Menschenrechten (z. B. Bildung, Gesundheitssystem) Es gibt keine einheitliche Rechtsprechung zur frauenspezifischen Verfolgung in Österreich. Höchstgerichte verfolgen im Vergleich zu den Entscheidung der Erst- und Zweitinstanz eine gendergerechtere Auslegung und sprechen öfters Asyl aus.

„It is important that feminists engange in refugee politics in order to change the

„It is important that feminists engange in refugee politics in order to change the male norm of „Who is refugee“. “ (Swedish Women‘s Lobby, 2016)

Literatur: • • From conflict to peace? #womenvoices – recommendations on preventing and combating

Literatur: • • From conflict to peace? #womenvoices – recommendations on preventing and combating violence against refugee and girls on the move, publication by the European Women‘s Lobby, 2016. Initial Assessment Report: Protection Risks for Women and Girls in the European Refugee and Migrant Crisis, UNHCR, UNFPA, Women‘s Refugee Commission, 2015. Lechner, Irmgard: Frauenspezifische Fluchtgründe und höchstgerichtliche Rechtsprechung in Österreich. Master-Thesis des Universitätslehrganges „Menschenrechte“, 2016. Rabe, Heike: schriftliche Stellungnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte zur öffentlichen Anhörung des Gleichstellungsausschusses des Thüringer Landtages. „Situation weiblicher Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Thüringen, 2015. Rabe, Heike: Effektiver Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt – auch in Flüchtlingsunterkünften, Deutsches Institut für Menschenrechten, 2015. Resolution des Europäischen Parlaments zu weiblichen Flüchtlingen vom 8. 3. 2016 Women‘s Refugee Commission: Durch das Raster fallen: Asylsuchende Frauen und Mädchen in Deutschland und Schweden, 2016.

Mag. Sabine Mandl Senior Researcher Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte Tel. : ++43 1

Mag. Sabine Mandl Senior Researcher Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte Tel. : ++43 1 4277 27438 e-mail: sabine. [email protected] ac. at web: http: //bim. lbg. ac. at/en