Gerechtigkeit in affirmativer und transformativer Perspektive Eine sozialkologische
















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Gerechtigkeit in affirmativer und transformativer Perspektive Eine sozial-ökologische Spurensuche von Adelheid Biesecker, Katharina Bohnenberger, Daniela Gottschlich und Uta v. Winterfeld
Affirmativ und transformativ – umverteilend und anerkennend – Vier Felder von Nancy Fraser Umverteilung Anerkennung Affirmation Transformation Liberaler Wohlfahrtsstaat Sozialismus Oberflächliche Neuzuteilungen vorhandener Güter an existierende Gruppen; unterstützt Gruppendifferenzierung; kann Missachtung erzeugen Gründliche Umstrukturierung der Produktionsverhältnisse; weicht Gruppendifferenzierung auf, kann manche Formen der Missachtung abschaffen helfen. Üblicher Multikulturalismus Dekonstruktion Oberflächliche Neuzuteilung von Respekt an bestehende Identitäten existierender Gruppen; unterstützt Gruppendifferenzierungen Gründliche Umstrukturierung von Anerkennungsverhältnissen; destabilisiert Gruppendifferenzierung.
Affirmativ oder transformativ?
Affirmativ und transformativ – umverteilend und anerkennend – Klimawandel und Geschlechtergerechtigkeit Affirmation Transformation Umverteilung im Geschlechterverhältnis Sekundärverteilung: Frauen erhalten einen größeren Anteil am erzeugten Reichtum. Primärverteilung: Frauen erhalten Zugang zur und Einfluss auf Reichtumserzeugung. Umverteilung im Klimawandel Bislang im Klimaregime benachteiligten Gruppen werden mehr Verschmutzungsrechte zugewiesen. Land und Wald bekommen oder behalten diejenigen, die ihn zum Lebensunterhalt brauchen und nachhaltig nutzen. Anerkennung im Geschlechterverhältnis Frauen werden im bestehenden Geschlechterverhältnis stärker anerkannt. Anerkennungsverhältnisse wie z. B. Spitzenpositionen werden gründlich umstrukturiert. Anerkennung im Klimawandel Frauen haben teil an den Vorteilen, die aus der Verwertung ihres Wissens (zur Vermeidung des Klimawandels und zur Anpassung an seine Folgen) erwachsen. Anerkennung der bedeutsamen Rolle von Frauen als Nahrungsmittelproduzentinnen, Anerkennung des Vorrangs von lokaler Nahrungssicherheit vor globaler Nutzung von z. B. Energiepflanzen.
Erweiterung hin zu einer 3. Dimension – umverteilend, anerkennend, teilhabend • Die 3. Dimension (Teilhabe, Vertreten-Sein) legt die Reichweite der ersten beiden fest. Sie bestimmt das „wer“, wer dazugehört, wer Umverteilung und Anerkennung beanspruchen kann. • „…dass keinerlei Umverteilung und Anerkennung ohne das Vertreten -Sein möglich ist. “ (Fraser, Nancy (2007): Zur Neubestimmung von Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt. In: Heidbrink, Ludger/ Hirsch, Alfred (Hg. ): Staat ohne Verantwortung? Zum Wandel der Aufgaben von Staat und Politik. Frankfurt/ New York: Campus, S. 343 -371, S. 350)
Affirmativ und transformativ – umverteilend, anerkennend, teilhabend in politischer Perspektive Affirmation Transformation Umverteilung Erhöhung des Mindestlohns Bedingungsvolles (z. B. gute öffentliche und soziale Infrastruktur) bedingungsloses Grundeinkommen Anerkennung Ermutigung und Wertschätzung des bürgerschaftlichen Engagements Recht auf Widerstand (ohne anschießende Sanktion wie z. B. Entzug der Gemeinnützigkeit) Teilhabe Allgemeines Wahlrecht Partizipation an Planungs- und Entscheidungsverfahren, auch benachteiligter Gruppen Das Recht, Rechte zu haben (Hannah Arendt), auch „das Recht auf Faulheit“ (Paul Lafargue) Neue demokratische Formate, z. B. „Zukunftskammer“ (Claus Leggewie)
Affirmativ und transformativ – teilhabend – Klimawandel und Geschlechtergerechtigkeit Affirmation Transformation Teilhabe im Geschlechterverhältnis Allgemeines Frauenwahlrecht Integration der unbezahlten Sorge. Arbeit in die Rentenversicherung durch Mütterrente Frauenzukunftskammer Sorgen als öffentliche Angelegenheit, „Caring Democracy“ (Joan Tronto) Teilhabe im Klimawandel Beteiligung aller Gruppierungen an Klimakonferenzen, auch der bisher ungehörten Stimmen (z. B. Teilhabe von Kindern/Jugendlichen, die durch ihren aktiven Protest Berühmtheit erlangt haben) Vetorecht der am meisten vom Klimawandel Betroffenen bei Klimakonferenzen und bei den Vereinten Nationen
Was meinen wir mit dem Begriff … Social Justice/ Soziale Gerechtigkeit (Bedürftigkeit, Leistung, (eingeschränktes) Gleichheitsprinzip) Environmental Justice/ Umweltgerechtigkeit Ecological Justice/ Gerechtigkeit gegenüber Natur (Umwelt- bzw. Naturethik) Leidensfähige Tiere, alle Lebewesen, Ökosysteme, Natur als Ganzes
Environmental Justice / Umweltgerechtigkeit • Kritik an der These „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“ (Beck 1986: 48). • Denn: Nicht nachhaltige Praktiken bedrohen nicht „den“ Menschen im Allgemeinen, sondern bestimmte Gruppen mehr als andere. • Die Environmental Justice Bewegung definiert „Umwelt“: „wo wir leben, arbeiten, spielen, beten, zur Schule gehen“ (Alston 1991). • Reaktion auf ungerechte sozial-ökologische Bedingungen/ gesellschaftliche Naturverhältnisse • Geprägt von Kontexten
Widerstand als Mittel um Umverteilung, Anerkennung und Teilhabe überhaupt zu ermöglichen – die Perspektive der Umweltgerechtigkeit(sbewegungen) Affirmation Transformation Widerstand • • Gegen Umweltrassismus Gegen die Vertreibung von Indigenen, Subsistenzbäuer*innen Gegen gesundheitsgefährdende Arbeits- und Wohnbedingungen Gegen patriarchale Unterdrückung Umverteilung Politische Ahndung von Umweltrassismus <-> Environmental Justice Anerkennung Garantie von individuellen Rechten für jeden Menschen unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, sozialem Status/ „class“, … Anerkennung auch von kollektiven Rechten (z. B. Nutzung von Ressourcen durch bestimmte Gruppen wie Indigene) Teilhabe Beteiligung aller Gruppierungen bei umweltpolitischen Fragen, insbesondere der bisher ungehörten Stimmen Solidarische Lebensweise und Etablierung der dafür notwendigen politischen Institutionen
Die Notwendigkeit transformativer Gerechtigkeit ABBILDUNG WEGEN BILDRECHTEN GELÖSCHT, nachsehbar als Fig 2 in: O’Neill, D. W. , Fanning, A. L. , Lamb, W. F. , & Steinberger, J. K. (2018). A good life for all within planetary boundaries. Nature Sustainability, 1(2), 88.
„Das Genug“ als Grundlage für Gerechtigkeit Suffizientarismus zu wenig
„Das Genug“ als Grundlage für Gerechtigkeit Limitarismus (Robeyns 2016) • Ressourcenverbrauch und ökologischem Fußabdruck • Einkommen und Vermögen Suffizientarismus zu viel zu wenig „Das Genug“
Was ist die Ursache des „zu viel“? • Verbindung zwischen Erwerbsta tigkeit in Vollzeit und nicht-nachhaltigen Alltagspraktiken • Ma nner stehen als Gesamtgruppe weiter oben im Raum, Frauen weiter unten. • Erwerbsarbeits-Ma nnlichkeits-Automobilita ts. Ressourcenverbrauchs-Nexus (Daten: Eversberg 2018) ABBILDUNG WEGEN BILDRECHTEN GELÖSCHT, nachsehbar als Abbildung B 2 in Dennis Eversberg: Grenzen der Komplexita t. U berlegungen zu einer O kologie flexibel-kapitalistischer Subjekte. Working Paper der DFG-Kollegforscher_innengruppe Postwachstumsgesellschaften, Nr. 1/2018, Jena 2018.
Bild: Levin v. Winterfeld
Literatur Alston, Dana (1991): Speech delivered at the first national people of color environmental leadership summit. http: //reimaginerpe. org/ 20 years/alston. (Zugriff 17. September 2018). Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M. Eversberg, Dennis (2018): Grenzen der Komplexität. Überlegungen zu einer Ökologie flexibel-kapitalistischer Subjekte. Working Paper der DFGKollegforscher_innengruppe Postwachstumsgesellschaften, Nr. 1/2018, Jena. Fraser, Nancy (2007): Zur Neubestimmung von Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt. In: Heidbrink, Ludger/ Hirsch, Alfred (Hrsg. ): Staat ohne Verantwortung? Zum Wandel der Aufgaben von Staat und Politik. Frankfurt/ New York: Campus, S. 343 -371. Fraser, Nancy (2001): Die halbierte Gerechtigkeit. Frankfurt a. M. : Suhrkamp. O’Neill, Daniel W. / Fanning, Andrew L. / Lamb, William F. / Steinberger, Julia K. (2018): A good life for all within planetary boundaries. In: Nature Sustainability, 1(2), 88. Robeyns, Ingrid (2016): Having too much. In: J. Knight and M. Schwartzberg (eds. ) NOMOS LVI: Wealth. Yearbook of the American Society for Political and Legal Philosophy, New York University Press.