Die deutschen Balladen Johann Wolfgang Goethe Der Zauberlehrling
Die deutschen Balladen Johann Wolfgang Goethe: Der Zauberlehrling Friedrich Schiller: Der Handschuh Gottfried August Bürger: Lenore
Die Ballade • Ursprünglich bedeutete die Ballade ein Tanzlied (lateinisch ballare = tanzen) mit Refrain, gesungen zum Reihen- und Kettentanz. Sie stammt aus dem italienisch-provenzalischen Kulturgebiet und breitete sich im Rahmen der ritterlichen Kultur im Hochmittelalter von Nordfrankreich nach Europa aus. Es entstand zuerst die anonyme Volksballade als (gesungenes) Erzähllied, das dadurch charakterisiert ist, dass es Epik, Lyrik und Drama als Grundarten der Poesie in sich vereint, später dann das Heldenlied, in dem sich die epische Erzählweise mit dramatischer Gestaltung (Dialog) verbindet. Eine andere Stufe bilden die deutschen Volksballaden des späten Mittelalters, bei denen die episch-dramatischen Momente vorherrschen, die aber keine Aufforderung zum Tanz nachweisen – sie sind meistens ein Einzelvortrag, in dem der Refrain fehlt. • Im 18. Jh. wurde der Begriff „Ballade“ im Sinne von „Erzähllied“ für die Kunstballade eingegrenzt. Sie behielt sich streng literarische Form und übernahm die wesentlichen Stilmerkmale der Volksballade: Stellung zwischen den Gattungen, strophische Gliederung, Reime. Epochemachend war G. A. Bürgers Lenore (1774). In Bürgers Nachfolge wurde die naturmagische und die Geister-Ballade zum vorherrschenden Balladentypus von „Sturm-und-Drang“. Ihr wichtigster Vertreter neben Bürger war der junge Goethe (Der untreue Knabe, Der Erlkönig). Im sogenannten „Balladenjahr 1797“ entwickelten Goethe und Schiller den klassischen Typus der Ideenballade, die formal und thematisch im äußersten Gegensatz zur Volksballade steht. • Die Ideenballade ist eine Sonderform der neuzeitlichen deutschen Kunstballade. Die Ideenballade folgt der Intention der klassischen Ästhetik, das Individuelle zur überzeitlichen „idealischen Allgemeinheit“ (Schiller) und zu einer „reineren Form“ (Goethe) zu verbessern und alles unter die Herrschaft einer Idee zu stellen. Goethes Ideenballaden (Der Zauberlehrling, Der Gott und die Bajadere u. v. a. ) stellen den Menschen in naturmagische Bezüge. Schillers Ideenballaden (Der Handschuh, Der Taucher u. v. a. ) verkörpern den Typus in reiner Form: Die Idee triumphiert über das irrational Schicksalhafte, der aktiv handelnde Held über den passiv handelnden. Das Ideal siegt im Widerstreit von ewiger und irdischer Gerechtigkeit über die Realität.
Goethes Lyrik • Goethe schrieb in seinem Leben von der Jugendzeit bis ins Alter mehr als 3 000 Gedichte. Einige weltbekannte sind eigenständig, einige wurden zu Zyklen gesammelt und dann herausgegeben. • Gedichtzyklen und Epigramm-Sammlungen • • • Römische Elegien (1788 -1790) – freizügige erotische Gedichte aus dem Aufenthalt in Rom Venetianische Epigramme (1790) – Spottgedichte auf die europäischen Zustände Sonette (1807/08) West-östlicher Divan (1819, erweitert 1827) – inspiriert vom Koran und der mittelalterlichen arabischen Poesie von Hafis Trilogie der Leidenschaft (1829) • Berühmte Einzelgedichte (Gelegenheits-, Liebes-, Naturgedichte, Balladen) • • • Heidenröslein (1771) Prometheus (1774) Willkommen und Abschied (1775, 2. Fassung 1789) An den Mond (1777) Wandrers Nachtlied (1780) Der Erlkönig (1782, Ballade) Der Zauberlehrling (1797, Ballade) Der Schatzgräber (1797, Ballade) Die Braut von Korinth (1797, Ballade) Der Gott und die Bajadere (1797, Ballade) Die Metamorphose der Pflanzen (1798, Lehrgedicht, geschickte Verbindung von Poesie und Naturforschung) Marienbader Elegie (1823)
Der Zauberlehrling (1797) • Die Ballade gehört zu den bekanntesten Gedichten Goethes, sie entstand in dem Balladenjahr der Klassik 1797 und erschien mit den anderen Balladen Goethes und Schillers im Musen-Almanach auf das Jahr 1798. • Als Anregung werden ein Motiv aus der im Dialog verfassten Geschichte Der Lügenfreund der Ungläubige aus dem 2. Jh. vom antiken griechischen Satiriker Lukian von Samosata (um 120 -um 200), von dem sich die deutschen Klassiker inspirieren ließen, und auch angeblich die überlieferte Sage über den Prager Golem des Rabbi Löw, entstanden am Anfang des 17. Jh. , angegeben. • Die Ballade besteht aus sieben Strophen, die in die eigentliche Strophe und eine Art Refrain aufgeteilt sind. Jede Vollstrophe hat 14 Verse, deren erster Teil sich aus vier Versen mit vierhebigen Trochäen und zweiter Teil aus vier Versen mit dreihebigen Trochäen zusammensetzt. Der durch Einrückung entstandene Refrain enthält sechs Verse: vier zweihebige und zwei vierhebige Trochäen. Reimschema in den Strophen ist abab cdcd (Kreuzreim), Reimschema in den Strophen im Refrain ist abbcac. • Die Ballade kann man als Versuch interpretieren, gegen die Herrschaft des Meisters aufzubegehren und selbstständig zu handeln. Der Lehrling besitzt aber noch kaum Kompetenzen seines Meisters, deshalb führt sein Versuch ins Chaos, das er nicht meistern kann („Die ich rief, die Geister, /Wird ich nun nicht los. “). Die Situation kann nur die Besinnung auf die Autorität und die ursprüngliche Ordnung retten. Die Ballade entspricht dem Gedankengut der Klassik, besonders in ihrer gedanklichen Übertragung auf die Erkenntnisse der Wissenschaft und auf die Folgen, die bei ihrem Missbrauch entstehen können. Die Wissenschaft muss für die Folgen ihrer Forschung verantwortlich gemacht werden (siehe den oben zitierten Vers).
Schillers Lyrik • Berühmt ist sein Gedicht An die Freude (1785) aus den frühen Jahren, das ursprünglich in Dresden als die Tafel der Freimaurerloge Zu den drei Schwestern entstanden ist, und heute (auch durch Vertonung Beethovens) weltberühmt ist. • Schillers wichtigste Balladen sind: • Die Götter Griechenlands (1788, 2. Fassung 1800) • Der Taucher (1797) • Der Handschuh (1797) • Der Ring des Polykrates (1797) • Die Kraniche des Ibykus (1797) • Die Bürgschaft (1798) • Das Lied von der Glocke (1799) • Das Siegesfest (1803)
Der Handschuh (1797) • Eine der bekanntesten Balladen Schillers, die er selbst als Erzählung einordnete. Angeregt hat Schiller eine Anekdote aus dem fünfbändigen Werk Essais historiques sur Paris (1754 -57) des französischen Schriftstellers und Dramatikers Germain-François Poullain de Saint-Foix (16981776), die über einen Vorfall aus der Regierungszeit des französischen Königs Franz I. in der ersten Hälfte des 16. Jh. berichtet. • Die Ballade besteht aus acht Strophen und ist nicht in wiederkehrender Strophenform, aber in fortlaufenden Versen, d. h. im freien Versmaß, abgefasst. Es wechseln jambische Verse mit dem Anapäst (dem umgekehrten Daktylus), die Länge der Verse ist sehr verschieden von sehr kurzen (aus zwei Worten bestehenden) bis zu den ganzen Sätzen. • Die Deutungsansätze basieren auf der Erfüllung einer Ideenballade. • Die Laune eines hoffärtigen Weibes und eines neugierigen Königs als ein unwürdiges, grausames Spiel mit der Kraft und dem Mut eines Ritters. • Das Gefühl der Ehre, das den Ritter in den Kampf mit furchtbaren Naturkräften treibt. • Daher die Grundidee Schillers: „Der Mensch versuche den Menschen nicht!“ • Enthält reine Tat, eine Tat ohne Zweck oder im umgekehrten Zweck. • Rettung der in Gefahr geratenen Ehre • Verlust der Liebe • Der Ritter Delorges als tragischer Held
Gottfried August Bürger (1747 – 1794) • Er war Lyriker und Balladendichter der „Sturm-und-Drang-Bewegung“ vor Goethe und gilt als Begründer deutschen Kunstballade. Er studierte seit 1764 Theologie in Halle, seit 1768 bis 1772 Rechte in Göttingen, wo er Mitglied des Göttinger Hainbundes wurde. Er wirkte dort bis zu seinem Tod als Privatdozent und Professor der Ästhetik. • Bekannt wurde er durch sein lyrisches Werk, vor allem Balladen • Lenore (1773) • Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen (1774) • Gedichte (1778, 2. Auflage 1789) – darunter die bekanntesten Balladen Der wilde Jäger, Der Raubgraf, Das Lied vom braven Mann, Des Pfarrers Tochter von Taubenhain • Bis heute berühmt ist er durch seine köstliche Satire auf den Adel im Werk Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen (1786, erweitert 1789), die in die Tradition der sog. Lügengeschichten traten, welche weit ins klassische Altertum zurückgeht. Die Lügengeschichten des historischen Carl Friedrich Hieronymus Freiherrn von Münchhausen (1720 -1797), eines deutschen Adeligen, dem diese Geschichten zugeschrieben werden, wurden von einem unbekannten Autor niedergeschrieben und 1781 veröffentlicht. In Form einer englischen Übersetzung von 1785 gelangten sie zu Bürger, der sie zurück ins Deutsche übersetzte und frei bearbeitete. Obwohl zahlreiche Bearbeitungen des Stoffs folgten, bleibt Bürgers Version bis heute die bekannteste.
Lenore (1773) • Eine Kunstballade, die neben den Lügengeschichten Münchhausens das berühmteste Werk Bürgers ist. Unheimlichkeit des Geschehens und Blasphemie sind ihre Hauptmerkmale. Sie spielt in der Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756 -1763) nach der Schlacht bei Prag. • Die Ballade hat 32 Strophen, die jeweils aus acht Zeilen bestehen mit dem Reimschema ababccdd. Die A-Zeilen und C-Zeilen sind vierhebige Jamben, die B-Zeilen und D-Zeilen dreihebige Jamben. • Deutung und Botschaft der Ballade: • Die Sünde der Gotteslästerung und ihre unausweichliche Sühnung – Lenore stirbt, ihre Mutter bittet Gott um Vergebung und Erbarmen für die unglückliche Seele. Die Thematik war aktuell als eine zentrale theologische Fragestellung – Ist unser Tun vorherbestimmt? Warum lässt Gott Dinge wie Krieg und Tod zu? Können wir den Grund Sinn solcher Tragödien erfahren? • Darf man die Entscheidungen Gottes hinterfragen? Ist das die Blasphemie? Wollte Bürger Menschen vor Verschiebungen der Schuld für negative Ereignisse auf Gott warnen? • Kann die Sünde der Gotteslästerung von Gott erlöst werden, oder ist dies völlig ausgeschlossen?
Fragen • Lesen Sie achtsam die Refrain-Teile der Ballade „Der Zauberlehrling“ und versuchen Sie festzustellen, ob auch in Ihrem Kopf Bilder vom Plätschern und Fließen des Wassers entstehen. Wie brachte sie Goethe sprachlich zustande (klangbildliche Darstellung)? • Lesen Sie gründlich die Ballade „Der Handschuh“ und erklären Sie, worin die Tragik der Hauptfigur, Ritter Delorges, besteht. Erwähnen Sie aufgrund der Ideenballade ihre Gründe. • Nehmen Sie zur Hand die tschechische Ballade „Svatební košile“ von Karel Jaromír Erben und vergleichen Sie diese motivisch mit ihrem Vorbild, der Ballade „Lenore“ von Bürger.
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